Mallorcas Architektur - An der Schwelle zur Moderne

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Vor allem Urlauber tummeln sich auf Sóllers zentraler Plaça desa Constitució, die bereits jetzt im Frühjahr meist gut gefüllt ist.

Foto: Patricia Lozano

Es wirkt, als hätte jemand mit freier Hand und etwas unbeholfen vier Tulpenblüten in den Kalksandstein geritzt. Eine an jeder der spitz zulaufenden Ecken der winzigen Fensteröffnung, die sich auf etwa zweieinhalb Metern Höhe an der dem Meer zugewandten Seite der Kathedrale befindet. Man kann sie leicht übersehen, die unscheinbare Verzierung. Was schade wäre, da es sich dabei um ein Werk von Antoni Gaudí handelt - Des wohl bekanntesten Vertreters des Modernisme. Millionen Touristen reisen Jahr für Jahr nach Barcelona, um dort die Sagrada Familia, die Casa Batlló oder die Casa Milà zu sehen.

Nicht ganz so viele Urlauber lockt Mallorca an, wo die katalanische Ausprägung des Jugendstils allerdings ebenfalls architektonische Spuren hinterlassen hat. Wer sich zu einem Spaziergang durch die Altstadt aufmacht, der stößt unweigerlich auf eine ganze Reihe modernistischer Bauwerke. Bevor Antoni Gaudí zwischen 1904 und 1915 mit dem Umbau der Kathedrale beauftragt war, schuf Lluís Domènech i Montaner bereits 1903 das Gran Hotel, das bis heute nichts von seinem Glanz eingebüßt hat - auch, wenn man dort schon lange nicht mehr übernachten kann.

In Katalonien hatte sich der Modernisme seit Ende des 19. Jahrhunderts zur beherrschenden architektonischen Erneuerungsbewegung entwickelt - zeitgleich mit ähnlichen Strömungen in anderen europäischen Ländern, wie etwa dem Jugendstil. Den Vertretern des Modernisme in der Architektur ging es in erster Linie um die Distanzierung von der Kühle und Strenge des vorherrschenden Historizismus. Materialien wie Glas, Eisen und Keramik verwandelten sich in den Händen der Kunsthandwerker in vorzugsweise in der Natur entlehnte organische Formen.

Wie in Barcelona waren es auch auf Mallorca vor allem Angehörige des im Zuge der Industrialisierung aufstrebenden Bürgertums, die die fortschrittlichsten Architekten mit dem Bau spektakulärer Wohnhäuser beauftragten, die ihrem wachsenden Selbstbewusstsein entsprechen sollten. In der Folge schlossen sich - zumindest zeitweilig - auch eine ganze Reihe mallorquinischer Architekten wie etwa Gaspar Bennazar, Gaspar und Guillem Reynés, Jaume Alenyà und Francesc Roca der neuen Bewegung an.

Aber nicht nur in Palmas Altstadt entstanden auf diese Weise Bauwerke, die dem Modernisme zuzurechnen sind. Auch jenseits des Innenstadtrings gibt es zahlreiche solcher Gebäude. Die bekanntesten sind etwa das Hotel Príncipe Alfonso in Calamajor, das Hostal Cuba in Santa Catalina, Can Segura und Can Maneu an den Avingudes sowie der ehemalige Schlachthof S'Escorxador. Palmas Hauptfriedhof wiederum beherbergt zahlreiche modernistische Grabstätten.

Denn der Modernisme war längst nicht nur eine architektonische Erneuerungsbewegung. Er fand Ausdruck auch in Kunst und Literatur. Das beste Beispiel dafür ist der katalanische Maler und Schriftsteller Santiago Rusiñol, der die Insel an der Wende zum 20. Jahrhundert mehrfach bereiste, zeitweilig hier lebte und neben seinem berühmten Buch "Isla de la Calma" ("Die Insel der Stille") auch zahlreiche Gemälde schuf, die mallorquinische Landschaften zeigen und überaus modernistisch anmuten.

PALMA. PATRIMONIO. TOMAS VIBOT DIVULGA EL MODERNISMO LOCAL, UN MOVIMIENTO TRANSGRESOR.

Im gleichen Maße, in dem die Industrialisierung außerhalb Palmas zum Wohlstand des Bürgertums beitrug, entstanden auch dort modernistische Gebäude. Das gilt vor allem für Sóller mit seiner rasch wachsenden Textilindustrie, das dank seines Hafens und der vielfältigen Verbindungen zum Kontinent stets offen war für Einflüsse von außen. Bereits im Jahr 1904 wurde hier der katalanische Architekt Joan Rubió i Bellver mit dem Umbau der Hauptkirche beauftragt. Auch das Museum Can Prunera ist ein herausragendes Beispiel des mallorquinischen Modernisme. Dessen Spuren kann man bei genauem Hinsehen aber auch in zahlreichen anderen Gemeinden der Insel entdecken, wie etwa Andratx, Llucmajor, Campos oder Alaró.

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