Der Mann, der „Sex, Drugs und Rock’n Roll” aufs Papier brachte: Helge Timmerberg. | Frederico Balboa / Piper Verlag

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Man kann Helge Timmerberg lesen. Man kann ihm aber auch genauso gut zuhören. Beides ist gleichermaßen faszinierend wie interessant. Ende der 1990er Jahre sei er das erste Mal im Zuge einer Spiegel-Reportage nach Mallorca gekommen, erzählt der mittlerweile 70-jährige deutsche Reiseschriftsteller am Telefon. Seine Stimme klingt dabei so betörend rauchig wie die von Lee Marvin im Western-Musical „Wandering Star”.

Als „laut und grölend” habe er damals die Insel in Erinnerung gehabt. Mittlerweile denkt er anders. „Ich habe im September vergangenen Jahres ein paar Tage in Palma verbracht, und mich beim Bummel durch die Altstadt von deren zum Teil maurischen Architektur faszinieren lassen. Die Insel hat sich komplett verändert. Zu ihrem Vorteil”, raucht Timmerberg durch den Hörer. Ob er sich vorstellen könnte, hier einmal längerfristig sesshaft zu werden? „Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Ist doch geil hier”, sagt er.

Aus seinem Mund ein Ritterschlag, angesichts der Tatsache, dass der Mann im Laufe seines Lebens die exotischsten Ecken dieser Welt bereiste – und sie dadurch zum Teil auch berühmt machte. Vom Himalaya bis Havanna, von Marrakesch bis Nepal.

Heute reist Timmerberg aber nicht mehr durch die Welt, sondern eher von Lesung zu Lesung. Anfang dieses Jahres erschien sein neustes Buch, das mittlerweile 16., und konvertierte innerhalb kürzester Zeit zum „Spiegel”-Bestseller. „Meine Facebook-Freundin Christina Mayer ( Frau und Mikrofon-Partnerin von Inselradio-Moderator Jürgen Mayer, Anm. d. Red. ) hat mich irgendwann gefragt, ob ich nicht Lust hätte, für eine Lesung auf die Insel zu kommen. Da habe ich spontan zugesagt. Ich rücke schon ein paar Tage vorher auf der Insel, um mich hier mal wieder etwas genauer umzugucken”.

Was hinter dem Buchtitel „Lecko Mio” genau stecke? „Es ist weder eine Abrechnung mit meinem Leben noch ein Weisheitsratgeber eines alten Mannes. Aber es soll dem Leser anhand verschiedener Begebenheiten und Erlebnisse aufzeigen, wie man auf selbst ehrliche Art und Weise 70 Jahre alt wird”, sagt Timmerberg. Ob dabei auch der von ihm in der Vergangenheit oftmals selbst gelebte Drogenkonsum eine Rolle spiele? „Drogen sind kein Freifahrtschein. Ganz im Gegenteil. Aber ich werde den Teufel tun, deshalb jetzt mit dem warnenden Finger darauf zu zeigen. Wie gesagt: ‚Lecko Mio’ ist wie alle meine Bücher kein Lebensratgeber. Sondern viel besser”.

Helge Timmerberg erlangte in Deutschland übrigens auch als Journalismus-Revolutionär in den 1980er Jahren Berühmtheit, in dem er die bis dahin verbotene „Ich Form” des Reporters als eigenen Schreibstil einführte. Autoren begannen damit, ein Gesicht zu bekommen. „Es ging mir darum, meine Geschichten so zu erzählen und so zu schreiben, wie ich sie auch meinen Freunden in der Küche bei einem Bierchen erzählen würde”, erklärte Timmerberg in einem früheren Zeitungsinterview über den sogenannten „New Journalism”.

In seinem Leben drehte sich anfangs nicht alles ums Schreiben. 1974 eröffnete Timmerberg in Bielefeld beispielsweise das erste vegetarische Restaurant namens „Mandala“.

Anschließend arbeitete er bei der Braunschweiger Zeitung und beim Stern. Danach reiste und recherchierte Timmerberg als Journalist für Zeitschriften wie „Tempo”, „Wiener” sowie den „Playboy” und die „Bunte”, für die er seine bedeutendsten Reportagen in der für ihn typischen subjektiven Erzählweise verfasste.

Seit ein paar Jahren ist Timmerberg in St. Gallen in der Schweiz sesshaft geworden. Oder auch nicht. Wer weiß das bei einem so weitgereisten Reisereporter schon.