Immigranten bei der Ankunft im Hafen von Buenos Aires. | Archivo General de la Nación Argentina

Francesc Palmer aus Es Capdellà verdingte sich in den 1920er Jahren als Schwammfischer in Kuba. Reich wurde er dadurch nicht, immerhin aber reichte das Geld, das er in Übersee verdient hatte, um sich nach der Rückkehr in die Heimat ein Stück Land kaufen und dort ein paar Mandelbäume pflanzen zu können. Später reiste er dann noch ein weiteres Mal nach Kuba und konnte sich dann zwei weitere Grundstücke kaufen. Auch die beiden Brüder Joan und Nicolau Enseñat, die ebenfalls aus Es Capdellà stammten, kehrten nach mehrjährigem Aufenthalt in Amerika nach Mallorca zurück und finanzierten in den 1950er Jahren mit dem dort verdienten Geld den Kauf eines Hotels.

Es sind nur zwei von vielen, vielen Beispielen, die der Heimatforscher Benet Albertí zusammengetragen hat. Bei der Geschichte der mallorquinischen Emigration in den Jahren zwischen 1830 und 1930 handele es sich um „eines der bedeutsamsten Phänomene der jüngeren Geschichte der Balearen, aufgrund der Zahl der Menschen, die davon betroffen waren, und aufgrund der unterschiedlichsten Auswirkungen, die es hatte”, schreibt er in seinem kürzlich erschienenen Buch zum Thema. Der Historiker Joan Buades wiederum spricht von „einem der wichtigsten sozialen Phänomene der Zeitgeschichte”.

Das Thema rein quantitativ zu erfassen ist dabei kompliziert. Es fehlen schlicht die Quellen, um zu einer halbwegs verlässlichen Zahl zu gelangen. Die Behörden erfassten viele Jahre lang lediglich solche Reisenden als Auswanderer, die von Palma aus per Schiff direkt nach Amerika reisten – bis weit ins 20. Jahrhundert gab es eine Dampfschiffverbindung von Palma über New York bis nach La Habana. Die größere Gruppe machte allerdings zuvor noch Station in Barcelona, erklärt Albertí. Sie aber wurden in keiner Statistik als mallorquinische Emigranten erfasst. Fest steht, dass in den 100 Jahren, in denen Mallorca mehrere Wellen der Emigration erlebte, zehntausende Inselbewohner anderswo ihr Glück versuchten. Zwischen 1882 und 1930 etwa wurden offiziell 79.786 Auswanderer erfasst, die in Palma an Bord eines Schiffes gingen.

Aus praktisch allen Inselgemeinden machten sich die Menschen auf, um eine bessere Zukunft zu finden. Besonders viele Emigranten gab es aber in Andratx und Sóller. Der Einwohnerstatistik Sóllers zufolge lebten im Jahr 1899 genau 1566 in dem Städtchen geborene Personen in Frankreich oder Amerika, was etwa 15 Prozent der damaligen Bevölkerung entsprach, schreibt Antoni Vicens in seiner Studie über die Emigration der Sollerics. In dem Tal war damals die Orangenproduktion aus bis heute ungeklärter Ursache zusammengebrochen, was zu einer schweren Wirtschaftskrise führte. Entlang der bereits seit langem existierenden Handelsroute machten sich viele Bewohner auf nach Frankreich.

Insgesamt ließen sich vor allem in den spanischen Überseegebieten Kuba und Puerto Rico zahlreiche Mallorquiner nieder, aber auch Argentinien und Uruguay nahmen tausende Inselbewohner auf, ebenso Algerien und Frankreich. Auch in Deutschland versuchte der eine oder andere Mallorquiner sein Glück (siehe Seite 18) . Dabei handelt es sich um ein gesamtspanisches Phänomen. Zwischen 1881 und 1959 sollen allein fast fünf Millionen Spanier in Richtung Neue Welt aufgebrochen sein. Fast die Hälfte davon zwischen 1900 und 1920. Ein enormer Prozentsatz, bedenkt man, dass damals in Spanien gerade einmal rund 20 Millionen Menschen lebten. Galicien, Asturien, Kantabrien und die Kanaren stellten besonders viele Auswanderer, die Balearen dagegen lagen im landesweiten Vergleich eher im Mittelfeld, schreibt Albertí.

Auslöser der massiven Wanderungsbewegung war einerseits die Krisensituation im ausgehenden 19. Jahrhundert, auch auf Mallorca. Die Insel war bereits relativ dicht besiedelt, als durch eine Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung die Sterblichkeitsrate deutlich zu sinken begann. In den 30 Jahren von 1857 bis 1887 wuchs die Bevölkerung der Balearen von 262.893 auf 312.593 Personen. Allein in den Jahren von 1860 und 1877 stieg der Anteil der männlichen Unter-Zehnjährigen um fast 17 Prozent. Der Effekt zeigte sich einige Jahre später, als diese dann jungen Männer zeitgleich auf den Arbeitsmarkt drängten. Dabei befanden sich bis dato bedeutende Wirtschaftszweige wie etwa der Weinanbau in der Krise, die sich durch die Reblaus dann ab 1892 noch verschärfte. Die erst wenig entwickelte Industrie bot nicht genügend Arbeitsplätze, um den Landarbeitern ein Auskommen zu sichern. Die starren Strukturen auf der Insel erlaubten keinen materiellen und sozialen Aufstieg. Diesen hofften die Auswanderer dann anderswo zu finden. „Millorar de fortuna” – das eigene Schicksal zu verbessern – war die Motivation, die die Auswanderer am häufigsten nannten. „Wer seine Heimat verlassen musste, tat das nicht gerne, sondern gezwungenermaßen wegen der damaligen Umstände”, schreibt Antoni Vicens.

In Amerika derweil herrschte Arbeitskräftemangel. Die jungen Republiken lockten die Einwanderer aus dem einstigen Mutterland mit vielfältigen Vergünstigungen, Starthilfen und Versprechungen. Die Löhne waren zudem deutlich besser, laut Albertí konnte man in Übersee zeitweilig mehr als das Dreifache verdienen. Es zogen gar Anwerber durch das Land, die die auswanderungswillige Bevölkerung direkt anwarben, in erster Linie unverheiratete Männer, aber auch ganze Familien. Häufig ging zunächst der Mann ins Ausland, um dann die Familie nachzuholen. „Es kam aber auch vor, dass ein Familienvater spurlos verschwand und man nie wieder von ihm hörte”, sagt Albertí. Die meisten Emigranten entstammten dabei der Unterschicht. Es handelte sich überwiegend um ungelernte Arbeiter und Angehörige einfacher Berufe wie Köhler oder Bäcker, nur vereinzelt auch um Angehörige der Mittelschicht. Manch einer versuchte sich auf diese Weise um den Militärdienst zu drücken. Die Allerärmsten allerdings, die konnten sich die teure Überfahrt überhaupt nicht leisten, gibt Albertí zu bedenken.

Zum einen existierten unter den Auswanderern diejenigen, die nur kurze Zeit im Ausland bleiben wollten, etwa als Erntehelfer, oder im Fall von Kuba als Schwammfischer, und so schnell wie möglich wieder nach Mallorca zurückkehrten. Zum anderen waren da die Emigranten, die ihren Aufenthalt im Ausland von vornherein auf mehrere Jahre auslegten, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Schließlich gab es aber auch diejenigen, die der Insel für immer den Rücken kehrten. „Man kann schon sagen, dass es generell darum ging, irgendwann wieder zurückzukehren”, sagt Albertí. „Es gab aber auch Mallorquiner, die all ihr Hab und Gut verkauften, alle Brücken abrissen und nie zurückzukehren beabsichtigten.”

Ihr Glück fanden im Ausland aber längst nicht alle Emigranten. Manch einer musste das Abenteuer vorzeitig beenden und die daheimgebliebene Verwandtschaft um Geld für das Rückfahrtticket bitten, erklärt Albertí. Andere kamen zu bescheidenem Wohlstand. Manche unterstützten ihre Angehörigen in der Heimat, andere holten Familie und Freunde nach. „Einige wenige brachten es zu großem Reichtum”, schreibt Joan Buades. „Andere nutzten ihr Einkommen, um sich dauerhaft vor Ort niederzulassen. Wieder andere investierten das verdiente Geld in ihrer Heimat.” Das beste Beispiel dafür ist Sóller. Das Städtchen erlebte einen enormen Aufschwung dank des neu errungenen Wohlstands zahlreicher Auswanderer, die sich bei dem Versuch gegenseitig zu übertreffen suchten, das prunkvollste Wohnhaus zu bauen. Ganze Straßenzüge wurden im Art-Deco-Stil bebaut. „Das Wichtigste war, klarzustellen, dass man Erfolg gehabt hatte im Ausland”, schreibt Catalina Bernat in ihrem Buch über die Emigration in Sóller. Auch der Bau der 1912 eingeweihten Bahnstrecke nach Palma wurde zu einem bedeutenden Teil von zu Reichtum gekommenen Emigranten finanziert.

Aber auch in Palma ist dieser Teil der Geschichte bis heute präsent. Das Hostal Cuba in Santa Catalina etwa zeugt von dem Reichtum, den ein gewisser Rafael Juan Roca einst erwarb, als er die Insel verlassen hatte und jahrelang von den Kanaren aus im Seehandel tätig gewesen war. Nach seiner Rückkehr kaufte er mehrere Immobilien in dem Stadtteil, in dem er einst zur Welt gekommen war. Eine Migrationsgeschichte steht auch hinter dem Brandyhersteller Suau. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließ sich einst Juan Suau y Bennassar in Kuba nieder, wo er eine Destillerie gründete. Während eines Heimatbesuches lernte er eine junge Mallorquinerin kennen, seine spätere Frau. Deren Eltern bestanden jedoch darauf, dass er sich wieder auf der Insel niederlassen müsse, was er dann auch tat.

Auf vielfältige Weise prägte die Auswanderung vieler Inselbewohner Mallorca. Die Erfahrung von Armut und Emigration prägt das kollektive Bewusstsein bis heute, da sind sich die Experten einig. Die Entbehrungen der Großeltern sind für die Inselbewohner noch heute sehr präsent. Kein Wunder, dass der Tourismus, der von den 1960er-Jahren an auch auf der Insel neue Perspektiven eröffnete, von vielen Mallorquinern als willkommener Ausweg aus der Misere betrachtet wurde.