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Mallorca Magazin:Nach etlichen Boomjahren liegt die Kreuzfahrtbranche wegen der Pandemie am Boden. Verstehen Sie, wenn jemand jetzt keine Schiffsreise machen will, weil er Angst vor dem Virus hat?

Uwe Bahn:Es werden ja gerade wieder die ersten zaghaften Schritte in der Kreuzfahrt unternommen und ich glaube, unter den momentanen Vorsichtmaßnahmen ist es an Bord sehr sicher, wenn alle getestet wurden. Die Frage ist, was passiert, wenn die Urlauber an Land gehen. Aber an Bord ist wohl auf allen Schiffen alles reglementiert, Fiebermessen, separate Ein- und Ausgänge, getrennte Laufwege, Hygienekonzepte und so weiter. Entertainment findet kaum statt, also zum Beispiel Tanzveranstaltungen. Auf der Mein-Schiff-Flotte gibt es die Abtanzbar, das ist wohl im Moment eher die Abstandbar.

MM:Sie sprachen eben die Landgänge an. Wahrscheinlich sollte man jetzt bei der individuellen Reiseplanung noch mehr darauf achten, wohin die Reise geht, was dort für Regeln herrschen und welche Gefahren drohen, oder?

Bahn:Ja, das ist so. Ich habe kürzlich eine Flusskreuzfahrt mit der Lady Diletta gemacht, von Düsseldorf nach Holland. Das ursprünglich geplante Routing war nach zwei Tagen nicht mehr wiederzuerkennen. Es sollte unter anderem nach Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen gehen. Doch diese Städte wurden dann zum Risikogebiet und wir haben nur kleine Häfen angelaufen. Immerhin konnte ich einige Orte kennenlernen, wo ich bisher noch nicht gewesen bin.

MM:Macht es denn eigentlich überhaupt Spaß, im Moment auf Kreuzfahrt zu 
gehen? Maskenpflicht, alle möglichen Regeln einhal-
ten …

Bahn:Das ist ja letztendlich nicht anders als wenn man durch Hamburg oder Palma geht. Also ich habe die Reise auf der Lady Diletta genossen. Natürlich ist es nicht die Freiheit, die man sonst auf einem Schiff hat, aber die gibt es ja zurzeit auch zu Hause oder auf Mallorca nicht.

MM:Wie viele Tage sind Sie in einem normalen Jahr auf irgendeinem Schiff?

Bahn:2019 war ein intensives Jahr. Da bin ich wohl zwischen 80 und 100 Tage an Bord gewesen. Meine bisher letzte Hochseereise war im Dezember, da bin ich mit der Star Clipper in Thailand gewesen. Aber mir fallen ja nicht nur meine journalistischen Reisen weg. Ich betreibe mit den Jungs vom Wacken-Festival eine Produktionsfirma. Wir bieten Eventkreuzfahrten an und hatten mehrere ausverkaufte Schiffe, die nicht raus konnten. Zum Beispiel mit der Kelly Family, Fury in the Slaughterhouse oder unsere Full Metal Cruise. Alles ausgefallen oder besser gesagt verschoben, wie ich hoffe.

MM:Dass das für Sie mit finanziellen Einbußen verbunden ist, liegt auf der Hand. Und das geht der ganzen Branche so. Die Reedereien verlieren durch die Pandemie Milliarden. Werden die Unternehmen das wegstecken können? Oder ist eine Pleitewelle zu erwarten?

Bahn:Das hängt sicher auch von der Dauer der Pandemie ab. Ich weiß nicht, wie hoch die Rücklagen der Reedereien sind und welche Subventionen fließen könnten. Aber ich vermute mal, dass, wie in anderen Bereichen der Reisebranche auch, das eine oder andere Unternehmen die weiße Flagge hissen muss. So ist es ja bereits Pullmantur ergangen, der größten spanischen Reederei. Es gibt in der Türkei einen Friedhof für Kreuzfahrtschiffe. Es tut weh, wenn man dort Schiffe sieht, auf denen man vielleicht selbst gewesen ist. Die Lage ist hart für jemanden wie mich, der die Kreuzfahrt, die sicher auch einige Schattenseiten hat, liebt, weil sie ihm die Welt gezeigt hat.

MM:Was wird sich denn in der Branche grundlegend ändern?

Bahn:Corona ist eine fiese Strafe. Aber für mich war die Kreuzfahrtbranche überhitzt, schon vor Corona überdimensioniert und was einige Reedereien anbelangt gierig. Die Branche war auf keinem guten Weg. Mit Schiffen für 6000 Passagiere – da geht es nicht mehr um eine Vision oder darum, etwas zu entdecken. Ich liebe die Kreuzfahrt, weil ich damit die Welt entdeckt habe. Aber das Ziel war ja teilweise sogar, die Leute möglichst gar nicht mehr von Bord zu lassen, damit sie dort viel Umsatz machen. Hinzu kam, dass die Passagiermassen die interessantesten Innenstädte wie Palma, Dubrovnik oder Santorini regelrecht verstopft haben.

MM:Wird es jetzt vielleicht einen Trend zu kleineren Schiffen geben?

Bahn:Dafür habe ich schon immer plädiert.

MM:Aber werden die Reedereien auch so denken?

Bahn:Wenn sie diese Zeit überleben, dann glaube ich, dass das so sein wird. Es dürfte einen massiven Trend zur Kleinteiligkeit geben. Es geht vom Massentourismus über den Maskentourismus vielleicht hin zu einem ganz anderen Tourismus. Das könnte ein Weg sein. Ich interessiere mich auch immer mehr für eine andere Form des Reisens. Wohnmobile. Aus meiner Sicht wird ein Trend der Zukunft sein und ich könnte mir vorstellen, dass es da eine spannende Entwicklung geben wird.

MM:Besteht aber nicht die Gefahr, um bei Urlaub auf dem Meer zu bleiben, dass die Reedereien wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen, falls es eines Tages so sein sollte, dass das Virus im Alltag keine Rolle mehr spielt?

Bahn:Es wird nie wieder so sein, wie es war. Der Weg zur Qualität ist viel wichtiger als der zur Quantität. Mit 2500 Passagieren auf der Aida-Sphinx-Klasse kann ich noch leben, aber 3000 oder 4000, das muss nicht sein. Ich habe diese Schiffe auch nie wirklich gemocht, sondern war eher fasziniert zu sehen, was technisch alles möglich ist. Aber ein Urlaub auf diesen großen Schiffen hat mich eher gestresst als dass ich ihn gut fand. Und wenn ich eben die Qualität erwähnt habe, dann meine ich auch ökologische Qualität. Denn ich bin mir sicher, wenn Corona irgendwann vorbei ist, wird die Kreuzfahrt auch wieder im Fadenkreuz von Nachhaltigkeitsdiskussionen landen. Man sollte die Zeit jetzt nutzen, um sich darauf vorzubereiten. Es gibt einen neuen Mobilitätsmarkt, und darauf muss sich auch die Kreuzfahrt einstellen.

MM:Sie haben bereits Palma angesprochen. Im vergangenen Jahr wurde die Kritik an der Kreuzfahrt hier immer größer. Schadet das dem Standort bei den Machern der Branche? Hat sich, unabhängig von Corona, das Image verschlechtert?

Bahn:Palma ist ein Top-Standort. Aber es muss auch ein dosierter Standort sein. Es muss koordinierte und dosierte Anläufe geben mit einer Obergrenze an Passagieren.

MM:Sie geben ja zusammen mit Partnern den Kreuzfahrt- Guide heraus, in dem Sie auch Schiffe testen. Wie machen Sie das in diesem Jahr?

Bahn:Der Kreuzfahrt-Guide wird nicht wie üblich im Herbst erscheinen. Wir peilen das Frühjahr an. Es wird aber diesmal keine Beurteilungen geben. Viele Schiffe fahren ja im Moment nicht, die Cunard-Flotte startet erst im April oder Mai wieder. Und ohne dass jemand aus unserem Team auf einem Schiff gewesen ist, wird es keine Bewertung geben. Beschreibungen ja, aber die Zeugnisausgabe fällt diesmal aus.

MM:Vorhin erwähnten Sie, dass Sie Ihre bisher letzte Hochseekreuzfahrt im Dezember 2019 gemacht haben. Nun sind Reisen in bestimmten Regionen ja schon seit einigen Wochen möglich. Warum bucht ein Kreuzfahrtjunkie wie Sie da nicht sofort ein Ticket?

Bahn:Zugegeben, ich habe schon so ein bisschen Seesucht. Aber diese ganzen Regulierungen, Risikogebiete, Reisewarnungen … Das alles stresst mich einfach nur.

Mit Uwe Bahn sprach MM-Redakteur

Nils Müller.