Wo andere längst aufgehört haben, fängt das Model Renate Raschke erst an. | Heike Goltenboth

Auf Mallorca gibt es ganz besondere Menschen. Einer von ihnen ist Renate Raschke. Natürlich sind da Falten in ihrem Gesicht. Mit 81 Jahren wäre alles andere auch seltsam oder zumindest unnatürlich. Ihren Händen ist ebenfalls anzusehen, dass sie ein Leben lang mit dem Brötchen verdienen beschäftigt waren. Allerdings sieht man ihr ebenfalls, quasi an den Fingerspitzen an, dass sie nicht so alt ist, wie es ihr der Personalausweis attestieren möchte. Ansonsten modisch und adrett gekleidet leuchtet ihr Nagellack in Neonorange, während sie ihr Wasserglas zum Mund führt. Interessanterweise lässt das lebendige Lächeln in ihren grünen Augen dabei sogar den Nagellack blass aussehen.

Die gebürtige Ost-Berlinerin ist Jahrgang 1941, hat die Welt bereist und als Architektin in Ost-Afrika und im Nahen Osten gearbeitet, war zweimal verheiratet, hat sich dann vor 17 Jahren gegen Dubai und für Mallorca entschieden, arbeitet bis heute stundenweise in einer Modeboutique in Port d'Andratx und ist seit kurzem ein sogenanntes „Best-Ager-Model“.

„Ich war schon immer modeaffin. Ich erinnere mich noch an eine Situation, das muss so 1985 gewesen sein, da bin ich mit Marlene-Dietrich-Hose, Jackett und Hut in Berlin zur S-Bahn gelaufen.“ Dabei habe sich damals so ziemlich jeder zu der extravaganten Erscheinung umgedreht, erzählt Renate Raschke und ergänzt, „Mein damaliger Ehemann ist kopfschüttelnd ein paar Meter hinter mir gelaufen. Dem war das wohl zu viel Aufmerksamkeit. Mir nicht.“ Vor ungefähr zehn Jahren sei sie dann auf Mallorca bei einer Modenschau in Camp de Mar auf dem Laufsteg unterwegs gewesen, als ihre heutige Agentin und Freundin Silvia de Couët de Vivier, von „The Mallorca Models International“ auf sie aufmerksam wurde.

„Renate hat alles, was man zum Modeln braucht.“ Die Voraussetzungen, um auch im Alter noch vor der Foto- oder Videokamera stehen zu können, seien dabei nicht gerade wenige. „Es braucht eine gewisse Fitness und Gesundheit. Dazu ein gepflegtes Auftreten, ohne geliftet und aufgespritzt zu sein. Wir, und vor allem unsere Kunden, wollen Authentizität.“

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War ein Model früher mit circa 35 meist am Ende seiner Karriere angekommen, entwickelte sich bereits in den 1990er-Jahren in den USA der Trend hin zu Männern und Frauen, die auch danach noch erfolgreich in dem Geschäft tätig sein konnten. Eine Welle, die in den vergangenen Jahren auch immer wieder nach Europa geschwappt ist. „Man sagt, ein Model muss so circa fünf Jahre jünger, als seine Zielgruppe sein, um sie anzusprechen. Dabei ist natürlich nicht das Alter auf dem Papier, sondern das Optische entscheidend.“

Die Agentur hat 500 bis 600 aktive Models nahezu jeden Alters in ihrer Datenbank. Ungefähr die Hälfte davon seien „Best Ager“ ab 40 Jahren. Wer selbst mit dem Gedanken spiele, eine Karriere in diese Richtung anzustreben, dem rät Silvia de Couët de Vivier vor allem eines: „Entscheidend ist ein professionelles Portfolio. Ich bekomme immer wieder Anfragen von Leuten, die ihre Bilder selbst gemacht haben. Meiner Erfahrung nach kommt man damit nicht weit.“ Bilder vom Fotografen würden für den richtigen professionellen Look sorgen, der wiederum größere Kunden anspreche, was dann höhere Honorare mit sich bringen.

Die Gage für einen Model-Job steht für Renate Raschke derweil nicht im Mittelpunkt. „Klar freue ich mich über das zusätzliche Geld, aber noch viel wichtiger ist mir der Spaß, den ich bei so einem Shooting habe. Ich mag es, mich von Profis herrichten und ablichten zu lassen. So viel Aufmerksamkeit tut gut.“ Früher habe sie, wie die meisten Frauen, ein großes Geheimnis um ihr Alter gemacht. Das habe sich aber mit ihrem 80. Geburtstag geändert. Möglicherweise, weil diese Zahl nun weniger als Makel, sondern viel mehr als Auszeichnung gesehen werden kann.

Zuletzt war Raschke für die Kampagne eines großen deutschen Chemieunternehmens auf der sogenannten „Shortlist“, also in der engeren Auswahl. „Dafür musste ich ein Video drehen, in dem ich eine Sekretärin spiele, die sich in den Ruhestand verabschiedet und den neuen Lebensabschnitt mit der Handcreme des Unternehmens begeht. Das war herausfordernd, aber auch witzig.”

Mittlerweile hat Raschke ihren 81. Geburtstag gefeiert. Ihre Model-Karriere hat sie weiter fest im Blick. „Ich mache das, was ich tue, solange ich kann. Nichts ist schlimmer im Alter als der Stillstand. Wer sich neuen Herausforderungen stellt, bleibt jung. Vor allem im Kopf.“