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Die Geschichte von Selma Nentwig beginnt in der damaligen DDR, kurz vor der Wende und endet auf Mallorca – ausgerechnet Mallorca nach 27 bewegten Jahren. Daher auch der Titel: Das erste Ziel aller Schmalspurauswanderer als Endpunkt einer langen Reise? Vorläufig ja und dafür hat Selma Nentwig, Autorin und Protagonistin des Romans, selbst keine logische Erklärung. "Das ist wie verliebt sein, das kann man nicht steuern. Es passiert einfach", sagt sie heute in ihrem gemütlichen Wohnzimmer sitzend. Von dort hat sie einen Blick auf ein Stück Mittelmeer vor Cala Estància zwischen Palma und Arenal.

In ihrer Kindheit im kleinen DDR-Städtchen Könnern war die dominierende Farbe Grau. Es sei nicht so gewesen, dass es eine unglückliche Kindheit gewesen wäre, betont sie. Nur stellte sich bei der jugendlichen Selma das Gefühl der Enge ein, des Nicht-Rauskommens und -könnens. Sie wollte in die Ferne ziehen, sammelte Zeitungsberichte zu Reisebestimmungen der DDR, einige hat sie bis heute aufgehoben.

Mit 17 stellten sie und ihr damaliger Freund den ersten Ausreiseantrag. Man setzte die beiden unter Druck und sie zogen ihn zurück. Zwei Jahre später versuchten sie, nach Ungarn einzureisen. Es war das Frühjahr 1989, die Grenze war durchlässig geworden. Mit Zelten und ihren Arbeitszeugnissen in einer Plastikhülle versuchten sie mit einem befreundeten Pärchen, bei Görlitz über die Neiße nach Polen zu schwimmen, dann nach Warschau zu kommen und dort in die westdeutsche Botschaft zu gelangen. Der schlecht geplante Versuch scheiterte schon vor dem mitternächtlichen Bad im Fluss. Die Polizei hatte die Gruppe ertappt, es folgte eine Verfolgungsjagd im klapprigen Wartburg, die an einer Straßensperre endete. Zwei Tage saß Selma im Gefängnis, dann wurde sie wieder entlassen - es herrschte Platzmangel im Gefängnis, zu viele Fluchtkandidaten saßen dort ein.

Die Ausweise behielt die Polizei ein und schickte sie an die Adresse der Eltern. Dadurch erfuhren auch sie von den Plänen ihrer Tochter und waren enttäuscht. Vor allem als sie hörten, dass es Selma nochmal versuchen würde, dieses Mal über Prag. Das Verhältnis zu ihren Eltern hat damals gelitten. Die verstanden nicht, warum ihre Tochter das Land verlassen wollte. "Die verzweifelte Stimme meines Vaters und ein entsetzlicher Kloß im Hals" ist ihr bis heute in Erinnerung, schreibt sie in ihrem Buch.

Über Dresden kommt Selma mit ihrem Freund Andreas im Zug nach Prag. Die beiden haben Glück, an keiner Kontrolle schöpft man Verdacht, obwohl sie selbst Hunderte Menschen entdeckt, die ängstlich umschauen und offensichtlich das Land verlassen wollen. "Am Bahnhof in Prag fragten uns die Taxifahrer auf Deutsch, ob wir in die Botschaft wollten, das sah man uns wohl an", erinnert sie sich. Für das Taxi gingen ihre zehn Mark drauf, die sie zuvor von ihrer Oma geschenkt bekommen hatte. "Wir sind ohne einen einzigen Pfennig in der Prager Botschaft angekommen", sagt sie rückblickend. Nur wenige Wochen nach den berühmten Worten von Bundesaußenminister Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft saß nun auch Selma mit ihrem Freund dort und wartete auf die Ausreise. Das klappte dann zwei Tage später, mit dem Zug ging es Richtung Westdeutschland. "Wir wussten nicht, wo es hinging, aber als wir die deutschen Schilder sahen, waren wir extrem glücklich", sagt sie.

Im fränkischen Marktredwitz hielt der prall gefüllte Zug zum ersten Mal. "Überall waren Helfer des Roten Kreuzes, hatten Nahrung für Babys vorbereitet, fütterten sogar Hunde", erinnert sich Selma Nentwig. Als sie sich mit Andreas im Ort die Beine vertrat, wurde sie von einem Paar angesprochen, welches die beiden bei sich aufnehmen wollte. "Von all diesen ganzen Leuten im Zug wurden ausgerechnet wir als Einzige angesprochen", staunt sie bis heute. Die beiden sagten zu und wohnten einige Wochen bei dem Paar. Im Ort fanden sie Arbeit in einer Porzellanfabrik und eigentlich hätten sie dort heimisch werden können.

Aber das Fernweh quälte Selma wieder, die ersten Reisen mit ihrem Andreas brachten nur kurzfristige Linderung. Nach acht Jahren trennte sie sich schließlich von ihrem Freund, machte eine Ausbildung zur Industriekauffrau und ging auf größere Reisen, zunächst mit einem neuen Partner, dann auf eigene Faust.

Kurz vor ihrem 30. Geburtstag verkaufte Selma Nentwig ihr ganzes hart erarbeitetes Hab und Gut und fing zum zweiten Mal in ihrem Leben von null an, dieses Mal in Neuseeland. Danach reiste sie zweieinhalb Jahre durch die Welt. "Das ist der Hauptteil meines Buchs, mein eigentliches Erwachen."

Selma Nentwig blieb unstet, in Australien hatte sie eine längere Beziehung, hätte dort heimisch werden können. Aber es ging nicht. "Es liegt im Blut, dass man nicht die Kraft hat, Dinge auszuhalten und stattdessen weitergeht." Da habe ihr oft das Durchhaltevermögen gefehlt, sagt sie rückblickend.

Bis Holger in ihr Leben trat. Der hatte vor allem eine entscheidende Eigenschaft: Er war der perfekte Mensch zum Reisen. Mit ihm war sie zunächst allein, dann zu dritt auf reisen. Mit Sohn Jakob ging es vor fünf Jahren auf große Weltreise, von den Kanaren bis Südafrika. Doch auch die schönste Reise geht einmal zu Ende, irgendwann musste die Familie wieder Geld verdienen. Holger konnte sofort bei seiner alten Arbeitsstelle in München anfangen, aber dorthin wollte Selma nicht mehr. "Es lag nicht an der Stadt, die ist wunderbar. Ich kann einfach nichts wiederholen", sagt sie heute. Der Zufall wollte es, dass Holger ein Angebot für Mallorca bekam, als Manager eines Großlieferanten für die Gastronomie. Auf Mallorca geschah etwas Ungewöhnliches: "Das erste Mal im Leben will ich nicht mehr weg."

Und noch etwas Kurioses ist ihr widerfahren: Ihr heute achtjähriger Sohn findet die alten Plätze ihrer Heimatstadt spannend, die sie damals langweilig fand - dabei hat er schon die halbe Welt bereist. "Kinder brauchen es nicht exotisch", sagt sie.

Apropos Familie: Mit ihren Eltern ist sie wieder im Reinen, Selma versteht sie heute besser. "Meine Mutter wusste teilweise nicht, wo ich bin. Die sind einfach anders und stärker geprägt durch die DDR und haben es nicht verstanden." Dennoch hat sie ihr Buch unter Pseudonym geschrieben, noch weiß sie nicht, ob und wann sie es ihren Eltern sagen kann. Vielleicht verstehen die den ironischen Ton des Buches nicht, glaubt sie.

Für Selma Nentwig selbst musste ihr Leben so verlaufen. "Ich bewundere Leute, die an einer Käsetheke zielsicher sagen können, welcher französische Weichkäse mit Naturrinde ihnen am besten schmeckt. Daraus spricht gewisse Erfahrung und Genussfreude. Woher kann man wissen, was einem am besten schmeckt, wenn man vorher nicht allerhand ausprobiert hat?", sagt sie. Momentan schmeckt ihr Mallorca einfach am besten.

(aus MM 36/2014)