Fahrt mit dem Aufzug hinauf zur Diskothek Lío in Palma am Tag der Offenen Tür für Architektur. | Youtube: Mallorca Magazin TV, as

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Die Hafenpromenade von Palma de Mallorca gleicht derzeit einer einzigen Baustelle. Aufgerissener Straßenbelag, Bauzäune, Kies und Staub. Dennoch finden zahlreiche Menschen den Weg auf den noch heilen Bürgersteigen zu den Hotels, Geschäften und Wohnblöcken, mittendrin liegt die in diesem Sommer neueröffnete Großraum-Diskothek samt Showlokal, Lío. Viele Jahrzehnte war dieser Ort als der Tanztempel Tito’s bekannt. In den vergangenen zwei Jahren war er nun aufwändig renoviert und umbenannt worden.

Eine große Menschenmenge steht vor dem Eingang des Lío auf der Promenade, um eine Führung durch das Gebäude zu erhalten. Es ist Samstagabend, in Palma ist mit dem Open House der Tag der Offenen Tür für architektonisch sehenswerte Gebäude. In Gruppen von jeweils 20 Personen können die Besucher Einlass finden. Es sind Rentner dabei, Familien mit Kindern, junge Paare. „Hier habe ich schon vor 50 Jahren getanzt”, erzählt ein alter Palmesaner mit leuchtenden Augen. Ein Ingenieur im Ruhestand wiederum ist besonders an den ausgeführten Arbeiten interessiert.

Von oben herab schwebt in einem der beleuchteten Doppelfahrstühle ein Mann mit Bart und ganz in Weiß gekleidet nahezu wie ein Engel auf die Erde herab. Es ist Iñigo Astray vom Architektenteam GRAS. Er war einer der Verantwortlichen für den Umbau der Diskothek. Astray hat ein iPad dabei und zeigt alte Fotos. Wo die Gruppe heute am Fuße des Aufgangs zur Diskothek steht, brandete früher das Meer an die Felsklippe. Erst der Bau des Westkais von Palma Mitte der 1950er Jahre hat das Aufschütten der Hafenpromenade ermöglicht.

Die Anfänge der Diskothek gehen auf die 1920er Jahre zurück, weiß Astray zu berichten. Begonnen hatte alles mit einem kleinen Terrassenlokal oberhalb der Klippen, dessen Eingang von der Plaça Gomila aus erfolgte. Schon in den 1930er Jahren bot das Tito’s genannte Restaurant Musik und Tanz, Cocktails und edle Gerichte.

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In den 1950er Jahren wurde die Terrasse halbkreisförmig erweitert und in Richtung Meer vergrößert. Das Tito’s wuchs auf Säulen und Vorbauten auf die neu aufgeschüttete und stabilisierte Hafenpromenade hinaus. Die Aussicht auf den Port, das Meer und die weiter östlich liegende Kathedrale überwältigte damals, wie heute nicht minder, die Besucher. In den 1960er Jahren traten im Tito's Weltstars wie Marlene Dietrich, Edith Piaf oder Charles Aznavour auf. Wenn es zu windig war, schützte eine höhenverstellbare Glasfront die Showstars und Gäste vor der Witterung. Wer damals zu den Tanz- und Showspektakel wollte, musste den Weg über die Plaza Gomila nehmen. Der Treffpunkt brachte damals regelrecht Glamour in das anliegende Wohnviertel El Tereno.

1985 kam mit einem Besitzerwechsel der Wandel: Das Disco-Zeitalter begann, und die neuen Verantwortlichen ließen den Doppelfahrstuhl in die Tiefe zum Paseo Maritime bauen. Damit konnte der Höhenunterschied von 32 Metern modern überwunden werden. Seit damals liegt der Haupteingang des Musentempels somit auf der Hafenseite an der Promenade. Direkt neben dem Eingangsbereich zu den Fahrstühlen sind die erhalten gebliebenen Meeresfelsen zu sehen, die eindrucksvoll an ihre ältesten Vorrechte erinnern.

Gespannt drücken sich die Wartenden in die Glaskabine des Fahrstuhls. Fast lautlos erhebt sie sich und weitet nach und nach den Panoramablick auf das bereits im abendlichen Dunkel liegende Palma. Eine an nicht wenigen Aahs und Oohs reiche Fahrt ist für viele fast schon zu schnell wieder vorbei, doch auch vom Inneren des elegant umgestalteten Tanzlokals bieten sich spektakuläre Ausblicke. „Wir haben hier Raum für 350 Sitzplätze geschaffen!“, sagt Architekt Astray. Der halbkeisförmige, offene Zuschauerbereich auf drei Ebenen hat nach seinen Worten weitgehend die gerundeten Terrassenformen aus dem 1950er Jahren respektiert. Sobald die Abendshow im Lío mit Galas und Dinner gegen Mitternacht beendet sei, werden die Tische und Stühle flink beiseite geräumt und die Fläche zum Tanzen genutzt. Derzeit seien 700 Menschen zugelassen, doch sobald weitere Arbeiten in der Nachbarschaft abgeschlossen sind, sei es das Ziel, die Genehmigung für 1200 Diskothekenbesucher zu nutzen, die bereits erteilt worden sei.

Dann geht es über spiegelverglaste Treppen und einem ebensolchen, langen Gang hinaus auf die Plaça Gomila. Die Kinder toben durch den Korridor, ihre Eltern halten alles mit der Videokamera ihrer Smartphones fest. Die Besuchergruppe löst sich auf, nicht ohne noch dem Architekten viele Fragen zu stellen. Wer auch immer dabei war, hat Lust bekommen, sich einmal auch eine der dortigen Shows anzusehen. Dann geht es über eine winzige Gasse und viele Treppen zurück an den unterhalb gelegenen Paseo Maritimo. Carrer de les Banys heißt der schmale Steig - die „Straße der Bäder“. Denn noch vor über einem halben Jahrhundert gingen die Anwohner dort zwischen den einstigen Häuschen hinab ans Wasser, um im Meer zu baden.