Wird aus La Soledat ein neues Santa Catalina?

| Palma, Mallorca |
In der ehemaligen Textilfabrik Can Ribes soll in den kommen Monaten ein Kulturzentrum entstehen.

In der ehemaligen Textilfabrik Can Ribes soll in den kommen Monaten ein Kulturzentrum entstehen.

Foto: P. Lozano
In der ehemaligen Textilfabrik Can Ribes soll in den kommen Monaten ein Kulturzentrum entstehen.Am Rande des Viertels sieht es noch deutlich trostloser aus.Margalida Crespi (79) wohnt seit ihrer Geburt in La Soledat.Der Schornstein von Can Ribes ist heute ein Jugendtreffpunkt.Die nostalgisch anmutenden Laternen wurden erst vor zwei Monaten neu installiert. Im Hintergrund erhebt sich die 1885 erbaute PfFrisch gestrichene Fassaden: An manchen Ecken sieht es schon aus wie in Santa Catalina.
Bis 2021 sollen moderne Wohnblocks entstehen. Ausländer zeigen großes Kaufinteresse.

Drogen und Kriminalität – damit hat Palmas Viertel La Soledat traurige Bekanntheit erlangt. Doch Margalida Crespi will trotzdem nicht weg. Die 79-Jährige lebt seit ihrer Geburt in dem ehemaligen Industrieviertel. Wie schon ihre Mutter hat sie in der Textilfabrik Can Ribes gearbeitet, deren Schornstein auch heute noch ein Wahrzeichen der Gegend ist. 1960 wurde die Produktion eingestellt, seitdem verfällt die Halle. Nun soll in dem Gebäude nach dem Willen der Stadt ein Kulturzentrum entstehen. Nicht die einzige Veränderung, die sich in La Soledat abzeichnet.

„Ich finde diese Pläne gut“, sagt Crespi. „Heute gibt es hier mehr Drogendealer als normale Leute. Das ändert sich dann vielleicht.“ Noch sind Ratten und Tauben die einzigen Bewohner der 1851 erbauten Fabrikhalle, deren Erzeugnisse einst bis Kuba exportiert wurden. Wenn es nach dem Willen von Bürgermeister Antoni Noguera geht, sollen dort künftig Zirkuskünstler ausgebildet werden und trainieren können. Eine entsprechende Ausschreibung will er in den kommenden Monaten starten. Die Bauarbeiten sollen noch in den ersten drei Monaten des nächsten Jahres beginnen. Eingeplant ist ein Budget von 932.000 Euro aus der „Ley de la Capitalidad”, staatlichen Fördermitteln aus Madrid. „Palma soll eine kreative Stadt werden“, sagte Noguera Mitte November - allerdings ohne zu erwähnen, dass es schon 2006 ein Projekt zur Nutzung von Can Ribes gab, dessen Finanzierung scheiterte.

Mit Kultur hatte La Soledat bislang eher wenig am Hut. Das Viertel im Osten Palmas ist vielmehr ein Paradebeispiel für die Industrialisierung Mallorcas und den baulichen und demographischen Wandel in der Inselhauptstadt. „Ab 1830 entstanden in Palma zahlreiche Fabriken, es kam zu einer bedeutenden Landflucht“, erklärt Historiker Gaspar Valero Marti. Neuankömmlinge durften sich aber nicht innerhalb der Stadtmauern niederlassen und siedelten sich daher in nahegelegenen Dörfern wie Sa Vileta, Son Rapinya, Son Sardina oder Establiments an.

Da vor allem Textilfabriken im Stadtzentrum nicht genügend Platz fanden, um zu wachsen und leistungsfähigere Dampfmaschinen zu installieren, verlegten sie ihre Produktion entgegen der damaligen militärischen Vorschriften vor die Stadtmauern. So auch Can Ribes, die Fabrik expandierte von ihrem 1831 errichteten Hauptsitz in der Altstadtgasse Carrer de la Ferreria nach La Soledat. „Die Ansiedlung von Fabriken führte zur Entwicklung von Dörfern, aus denen später neue Stadtviertel Palmas wurden. Beispielhaft für diese Transformation sind Santa Catalina und La Soledat“, erläutert Valero.

Seinen Namen erhielt die ehemalige Werkbank Palmas übrigens vom Kloster „Virgen de la Soledad“, das Ende des 16. Jahrhunderts gegründet wurde. „Als ich geboren wurde, war es ein pulsierendes Viertel“, erinnert sich Crespi. „Fast alle haben in Can Ribes gearbeitet. Es war gleichzeitig sehr ländlich hier und es gab Tausende von Schafen. Aus deren Wolle fertigten wir Decken“, erzählt die 79-Jährige, die in der Textilfabrik auch ihren Mann kennenlernte. Schon Jahrzehnte zuvor waren in La Soledat die ersten Arbeitersiedlungen entstanden, immer neue Fabriken für Landmaschinen, Schuhe oder Gummistiefel wuchsen aus dem Boden, genauso wie eine Pfarrkirche und eine eigene Schule.

Doch in den 1960er Jahren war es schlagartig vorbei mit der wirtschaftlichen Blüte. Die meisten Industrien gingen Pleite, für La Soledat begann der Niedergang, der im Grunde bis heute anhält. Auch die Textilfabrik Can Ribes musste 1960 ihre Pforten schließen. „Seitdem hat sich das Viertel sehr verändert. Viele verließen es und die Drogen haben Einzug gehalten“, sagt Crespi, die ebenfalls wegzog, aber dann aus Heimweh doch wieder in ihr altes Viertel zurückkehrte. „Es ist eben meine Heimat. Mir passiert hier nichts, weil ich mich gut auskenne“, erklärt sie.

Sie hofft jetzt auf die Veränderungen in der Zukunft. Erste Anzeichen sind sichtbar. So etwa die modernen Straßenlaternen, die vor zwei Monaten angebracht wurden. Und zwischen leicht heruntergekommene Einfamilienhäuser und überquellende Müllcontainer mischen sich immer häufiger sanierte und herausgeputzte Altbauten, die an Santa Catalina erinnern, das eine Entwicklung, wie sie sich in La Soledat andeutet, schon hinter sich hat. „Es kommen immer mehr Ausländer, um Immobilien zu kaufen. Ich habe vor Kurzem auch ein Haus verkauft“, erzählt Crespi. Dass das Viertel auf Immobilieninvestitionen hofft, bezeugen auch mehrere großflächige Grundstücke, die als Bauflächen deklariert sind.

Bauträger Gestilar hat gleich drei Projekte in Arbeit. Von 2019 bis 2012 will das Unternehmen aus Palma in La Soledat eine ganze Wohnsiedlung hochziehen. Der Preis für die Apartments bewegt sich zwischen 280.000 und 800.000 Euro. „20 Prozent sind schon reserviert, 50 Prozent der Interessenten sind Ausländer, vor allem Skandinavier, aber auch Deutsche oder Italiener“, sagt Laura Ramos. Die Maklerin vertraut auf die gute Lage, der Strand, das Stadtzentrum und Portitxol sind nur wenige Minuten entfernt. Ramos rechnet fest damit, dass sich das Viertel schnell verändern wird. „In vier bis fünf Jahren wird hier eine neue angesehene Wohngegend entstanden sein“, prognostiziert sie.

Vor dem neuen Bürgerhaus von La Soledat sitzt Juan Vargas auf einer Bank, neben sich seine beiden Windhunde, mit denen er an Rennen teilnimmt. Der 64-Jährige lebt schon seit Jahrzehnten im Viertel. „Hier ist doch alles in bester Ordnung. Nur etwas sauberer könnte es schon sein“, sagt er mit Blick auf das Laub, das der Wind den Gehweg entlangweht, und grinst herausfordernd durch seine Goldzähne.

(aus MM 47/208)

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