Es sind die riesigen Dimensionen der Misericòrdia (l.), die einen beeindrucken. In die historisch bedeutsame Ecke passt auch das Hospital General (Mitte), das auf der Straße „Costa de la Sang” (Blutsteige) erreicht werden kann.

0

Eigentlich könnte dies ein wunderbares Fleckchen Erde sein. Sitzt man am Ende der berühmten Rambla von Palma unter dem riesigen Gummibaum mit seiner 36 Quadratmeter großen Krone und blickt starr nach oben, sieht man, wie die Blätter im Winde rascheln und das Licht durch die Äste blinkt. Hier im Zentrum, wo dieser 1827 gepflanzte Gigant mit Dutzende Meter langen Wurzeln die Blicke auf sich zieht, könnte das Paradies auf Erde seine Heimstatt haben.

Doch ach: Dieser Ort ist nicht nur schön und lichtdurchflutet. Gleich neben dem Riesenbaum erhebt sich eine Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem nicht allzu hohen Sitjar-Hügel zu heutiger Größe ausgebaute einstige Jesuiten-Heimstätte, die irgendwie bedrohlich wirkt: die Misericòrdia. Es verwundert dann auch nicht, dass die Straße, neben der das wohl beeindruckendste Gewächs in Palma steht, Costa de la Sang (Blutsteige) heißt.

Auch die Tatsache, dass sich unter der Misericòrdia ehedem der Friedhof der Stadt mit seinen vielen Leichen befand, verleiht diesem Ort etwas Außergewöhnliches. Wohl nirgendwo anders in der Mallorca-Kapitale als hier trifft das blühende Leben so direkt auf den Tod.

Dass es in der Misericòrdia spuken soll, passt bestens ins Bild, zumal in ihren Dutzenden Räumen zeitweise eine Irrenanstalt untergebracht war. Beamte des Inselrates, der dort seit 1977 wirkt, berichteten gegenüber Medienvertretern wiederholt erschauernd von seltsamen Geräuschen, Schritten und auch gruseligen Stimmen.

Es heißt sogar, dass gleich mehrfach in einem kleinen „Patio” der bleiche Geist einer Nonne samt dem eines Kindes erschien. Der Komplex beherbergte einst auch ein Waisenhaus. Zudem macht weiterhin die Geschichte über einen Arbeiter die Runde, der sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt haben soll, an einem bestimmten Ort der Misericòrdia tätig zu sein, weil er dort fremdartige Schreie gehört hatte.

Tritt man indes in den großen Innenhof, durchfährt einen mitnichten das Unheimliche. Hell sind die Säulen und Wände, man fühlt sich fast so wohl wie in Abrahams Schoß. Doch einige Räume und Säle in den oberen Stockwerken sehen noch genauso aus wie vor 200 Jahren. Es dürfte wohl keine größere Mutprobe in Palma geben, als sich dort nachts einschließen zu lassen und einfach nur zu lauschen.

Nicht nur die Knochen unter dem Riesenbau, auch das bereits 1456 errichtete Hospital General am gleichnamigen runden Platz flößen einen gewissen Respekt ein. Momentan ist das durchaus hell und freundlich daherkommende Gebäude ein Zentrum für Palliativmedizin, ein Ort, wo schwerkranken Menschen das Sterben erleichtert wird. Das Dies- und das Jenseitige treffen auch hier unmittelbar aufeinander. Und der schön authentisch wirkende Kerzenladen gegenüber ist wie das Sahnehäubchen, das dem großen Ganzen eine sehr eigene Aura verleiht. An der Blutsteige pendelt man halt zwischen Gänsehaut und Wohlbefinden.