So präsentierten sich die Früchte der roten Rebsorte Giró negre im vergangenen Spätsommer auf dem Weingut Can Majoral. | Can Majoral

Manchmal dauert es etwas länger. Schon 1632, mithin vor bald 400 Jahren, wurde Mallorcas neue, alte Rebsorte Giró negre als mallorquinische Rebsorte erwähnt, angebaut an der Westküste, im schönen Örtchen Banyalbufar. Und auch der österreichische Erzherzog Ludwig Salvator (1847-1915), der mit seinem Werk „Die Balearen in Wort und Bild” das Leben auf den Inseln sorgfältig dokumentierte, erwähnte bereits diese lokale Sorte. Doch durch die Reblausplage, von der Ende des 19. Jahrhunderts auch die Inseln nicht verschont blieben, gingen viele Rebsorten verloren. Allerdings heißt viele eben nicht alle. Und so können in einer entlegenen Ecke immer mal wieder betagte Weinstöcke entdeckt werden, die sich schließlich als sehr alte Sorten entpuppen.

Jetzt jedenfalls darf die Wiederentdeckte wieder auf dem Archipel angepflanzt werden. Das balearische Landwirtschaftsministerium hat die Sorte Giró negre hochoffiziell für den Anbau und die Kommerzialisierung autorisiert, sie also in die Liste der Rebsorten aufgenommen, aus denen auf den balearischen Inseln Weine gekeltert werden dürfen!

Es lebe die Vielfalt! Allein in den vergangenen Jahren genehmigte die balearische Behörde damit fünf „neue” einheimische Rebsorten: Escursac, Callet negrella, l’Esperó de Gall und Mancès de tibús. Sie ergänzen bereits die umfangreiche Reihe der hiesigen Sorten. Denn auch Mantonegro, Callet, Fogoneu oder Prensal blanc gehören dazu. Wenn man so will, ist Mallorca eine Insel zahlreicher einheimischer Rebsorten. Was sich gut trifft. Denn Artenreichtum ist immer ein Geschenk. Und viele Weinliebhaber lieben es, lokale Sorten zu kosten. Rebsorten, die die Region ins Glas bringen und die es eben anderswo so nicht gibt. Darauf können sich auch die Weinfreunde auf den Schwesterinseln freuen. Denn die neue, alte Sorte darf nun auf dem gesamten Archipel der Sonne entgegensprießen und kann nicht nur auf Mallorca, sondern auch auf den Schwesterinseln gedeihen.

Der Weg dahin war lang. Denn schon um 2005 war man bei Felanitx und Manacor auf die Rebsorte aufmerksam geworden. Weintradition – auf der Insel wird seit rund 2000 Jahren manch interessanter Wein angebaut – kann so spannend sein! Und vor zehn Jahren hatten einige Inselwinzer bereits angeregt, den Anbau dieser einheimischen Sorte doch zu erlauben … Aber erst einmal sollte sie grundlegend erforscht werden. Fanden die Behörden. Das Zepter übernahm federführend das „Institut de Recerca i Formació Agroalimentària i Pesquera de les Illes Balears“ (IRFAP) im balearischen Landwirtschaftsministerium. Entsprechende Pflanzen sollten auf den Inseln ausfindig gemacht, anhand umfassender Genanalysen identifiziert und eindeutig bestimmt werden. Dann wurde sie auf Experimentierfeldern einiger Inselwinzer gepflanzt und ihre Eigenschaften detailliert untersucht. Kurzum: Es war eine Menge Forschungs(Arbeit) notwendig.

Doch es hat sich gelohnt. Andreu Oliver, Chef der Bio-Bodega Can Majoral in Algaida, hat einige Rebstöcke dieser Sorte – seit Jahren experimentiert er mit den autochthonen Sorten. Sein Fazit: „Giró negre ist sehr gut an das Klima angepasst. Seine rote Farbe ist nicht besonders intensiv, dafür punktet er mit schönen Aromen von viel roter Frucht wie Kirschen, gepaart mit Noten exotischer Früchte. Dazu zeigt sie wenig Säure. Aufgrund des hohen Zuckergehaltes in den Trauben haben die Weine hohe Alkoholgehalte von 14 Prozent”, sagt Oliver. „Sie gehört zu den ersten roten Sorten, die gelesen werden, nämlich bereits im August. Aber man muss vorsichtig sein bei der Ernte und genau den richtigen Zeitpunkt treffen, sonst sind die Trauben wie Rosinen.”

Andreu Oliver von Can Majoral in Algaida (M.), hier mit seinem gleichnamigen Onkel und seiner Cousine Mireia, hat beste Erfahrungen mit der Rebsorte gesammelt
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Die Proben, die in seinem Weingut mit dieser Sorte gemacht wurden, haben gute Resultate gezeigt. Für Andreu Oliver eignet sich der Giró negre, den er mit dem einheimischen Mantonegro vergleicht, für junge, leicht zu trinkende, fruchtbetonte Tintos sowie für Rosados. „Das funktioniert sehr gut. Für eine lange Reifung im Fass ist der Giró negre eher nicht passend. Dazu fehlt ihm Struktur und Tiefe”, so der erfahrene Öko-Winzer. Mit Glück kommen die ersten Flaschen dieser Sorte bereits Ende dieses Jahres auf den Markt, freilich in sehr, sehr geringen Mengen.

Es ist eine Sorte, die den Winzern erlaubt, wieder ganz neue Weine aus einheimischen Reben herzustellen, denn auch für Cuvées sei die Neue geeignet! „Ich könnte mir zum Beispiel eine Cuvée aus Giró negre und Callet oder Fogoneu vorstellen”, so Andreu Oliver. „Oder auch mit Syrah oder Cabernet Sauvignon, je nachdem, welchen Stil Wein man anstrebt.” In jedem Fall will Oliver weitere Pflanzen dieser Rebsorte setzen. Giró negre ist übrigens ein enger Verwandter des weißen Giró ros, auch Giró blanc, genannt, der auf Mallorca und den Schwesterinseln schon länger angebaut werden darf.

Auch das Weingut Tianna Negre im Polígono de Marratxí hat mit der Rebsorte Giró negre experimentiert. Die Bodega arbeitet seit Jahren mit dem Forschungsinstitut IRFAP zusammen. Doch Weinexperte Patrick Paulen ist nicht überzeugt von den Proben der neuen, alten Sorte, die sie in den vergangenen drei Jahren verkostet haben. „Diese Rebsorte hat ein Riesenproblem: Sie wird sehr schnell reif.” Auch er sagt: „Wenn man nicht exakt den richtigen Zeitpunkt der Lese trifft, zeigt sie entweder noch zu grüne, zu vegetale Töne oder sie ist schnell überreif und präsentiert Noten von Feigen, ja Konfitüre.” Und er fährt fort: „Beides ist nicht gut. Das jedenfalls ist unsere Erfahrung mit dieser Rebsorte.”

Patrick Paulen von Tianna Negre empfiehlt, den Giró negre an kühleren Standorten anzubauen.

Daher rührt der Entschluss bei Tianna Negre: „Wir werden sie hier in der Region um Binissalem nicht anbauen, denn hier ist es im Sommer wie im Ofen, das fördert eine rasche Reifung und ist alles andere als ideal für den Giró negre. In dieser Lage sehe ich persönlich für ihn keine große Zukunft”, so Patrick Paulen. „Vielleicht wäre eine andere Gegend, etwa höher gelegene und kühlere Gebiete wie Alaró, besser.”

Die weiße Verwandte des Giró negre hingegen, Giró ros, hat in seinen Augen viel mehr Potenzial. „Wir brauchen autochthone weiße Reben, wir haben ja sonst nur den Prensal Blanc und den Callet weiß auf Mallorca.” Als neu zugelassene rote Rebsorte ist indes eine andere Einheimische seine Favoritin: Escursac. Seit 2016 ist sie auf den Balearen zugelassen. „Und sie ist sehr schön!”, schwärmt Patrick Paulen.