So stellen sich viele Mallorquiner immer noch den typischen Mallorca-Urlauber vor. | Jonas Martiny

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Knapp 40 Prozent der Mallorquiner glauben, dass Urlauber nur auf die Insel kommen, um sich zu betrinken: Das ist das kuriose Ergebnis einer Studie der Stiftung Gadeso mit Sitz in Palma. 600 Probanden wurden mit 20 offen gestellten Fragen konfrontiert.

Doch das Ergebnis der Studie lässt seinerseits Fragen offen: Wie kommen die Insulaner zu dieser Ansicht?

Zunächst ist zu beachten, dass in der Studie die Meinung der Einheimischen auf allen balearischen Inseln in Bezug auf Tourismus generell abgefragt wurde. Gefragt wurde etwa: Wie stehen Sie zur Überfüllung der Inseln? Inwiefern schafft Fremdenverkehr Ablehnung gegenüber Urlaubern oder interkulturellen Austausch?

Eine weitere Besonderheit: Die im September durchgeführte Befragung fiel in ein Jahr, das für den hiesigen Tourismus so wichtig ist wie kaum ein anderes war. Es ist das Jahr in dem sich die Inseln wirtschaftlich von den Folgen der Corona-Pandemie erholen müssen.

Tourismus trägt in ganz Spanien zwölf Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Das Bruttoinlandsprodukt des Landes sank im ersten Corona-Jahr 2020 um elf Prozent, das der Balearen sogar um 27 Prozent. Jetzt sind die Inseln im Vergleich zu anderen Regionen des Landes wiederum führend, wenn es darum geht, die Wirtschaft zu reaktivieren. Die Bedeutung des Tourismus für die Wirtschaft ist demnach immens.

Das wird auf den Inseln selbst nicht anders gesehen: 82 Prozent der Bewohner des Archipels sehen im Tourismus die Basis des Arbeitsmarktes. 73 Prozent sind sich sogar bewusst, dass die Wirtschaft abhängig vom Fremdenverkehr ist.

Doch diesen Grundansichten stehen gleichwohl kritische Meinungen gegenüber: Nur 25 Prozent der Balearen-Bewohner glauben, dass die Anwesenheit von Touristen auch einen kulturellen Austausch mit sich bringe. 54 Prozent meinen, dass zu viele Besucher kommen.

Besonders Mallorquiner, die etwa in Palma, unweit der Cala d’es Moro oder beim Cap Formentor wohnen, denken so. Aber auch Menorquiner klagen über ein „Zuviel“ – was der Studie zufolge ausgerechnet an Urlaubern von Mallorca liegt.

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Für den Studiendirektor Sion Gelabert sind die Ergebnisse „schnelllebige Meinungen“. Sie könnten einen Monat später deutlich anders aussehen. Er betont, dass die Aussagen bis fünf Prozent nach oben und unten Spielraum haben. Der negative Eindruck des Exzess-Tourismus sei besonders bei Anwohnern von Arenal und Magaluf entstanden, wo Deutsche und Briten häufig Party machten.

Doch Gelabert, selbst Mallorquiner, relativiert: „Diejenigen, die die Kontrolle verlieren, gibt es in jedem Ort auf Mallorca.“ Und er äußert Verständnis für Partyenthusiasten: „Besonders jetzt nach den Lockdowns wollen die Menschen wieder Spaß haben.“

Ein anderer Grund für das schlechte Image sei, dass Inhalte von Trinkgelagen aus Arenal und Magaluf in den sozialen Netzwerken geteilt und dort komprimiert dargestellt würden. „Auf diesen Orten liegt eine besondere Aufmerksamkeit.“

Auch María Gómez Garrido, Soziologin an der Balearen-Universität UIB, meint, dass soziale Netzwerke sowie Zeitungen und Fernsehen den Fokus auf Aktionen von Betrunkenen legten. „Das animiert dazu, Urlauber zu schlechten Urlaubern zu stilisieren.“ Das sei für das Zusammenleben generell nicht förderlich, erkläre aber das Ergebnis der Gadeso-Studie.

Bei den Antworten sei zudem zu differenzieren, aus welcher Bevölkerungsgruppe die Probanden stammten. „Diejenigen, die in den Tourismusgebieten leben, haben vermutlich ein schlechteres Bild von Urlaubern. Wegen der Besucher erhöhen sich die Preise für Wohnungen und Lebensmittel“, so die Annahme. María Gómez hat Ähnliches in Palmas Stadtteil Cala Major beobachtet.

Nach ihrer Ansicht wirkt sich das ständige Kommen und Gehen der Touristen negativ auf das soziale Gefüge aus. „Wenn man sich mal mit jemand Auswärtigem angefreundet hat, ist die Person schnell wieder weg.“ Und nicht nur städtische Gebiete seien anfällig für „Tourismusphobie”. „Wenn ich an einer Bucht im Osten der Insel vier Stunden anstehen muss, um baden zu können, fördert das das Gefühl von Invasion.“

María Gómez führt weiter aus, dass die Regierenden in der Pandemie die Chance ungenutzt ließen, die Wirtschaft zu diversifizieren. „Es hätten zum Beispiel mehr Arbeitsplätze im Gesundheits- und Technologiesektor geschaffen werden können.“ Stattdessen habe sich Arbeitsminister Iago Negueruela nur darum bemüht, sichere Reisekorridore zu schaffen. „Urlauber wurden als Heilsbringer verklärt. Das teilen diejenigen, die ihretwegen Nachteile haben, sicher nicht.“

(aus MM 45/2021)