Tui-Chef: „Wir haben eine ganz besondere Beziehung zu Mallorca”

| Mallorca | | Kommentieren
Fritz Joussen ist seit 2013 Vorstandsvorsitzender der Tui-Group.

Fritz Joussen ist seit 2013 Vorstandsvorsitzender der Tui-Group, zu ihr gehören unter anderem die britische Tui plc sowie die Tui Deutschland GmbH. Der 58-Jährige stammt aus Duisburg. Vor seiner Tätigkeit in dem Touristikunternehmen war er Vorsitzender der Geschäftsführung der Vodafone D2 GmbH.

Foto: Tui

(Das folgende Interview stammt aus der MM-Printausgabe 45/2021)

Mallorca Magazin: Wie lautet das Fazit der Tui für die diesjährige Tourismussaison in Spanien und insbesondere für die Balearen und Mallorca?

Fritz Joussen: Wir sind sehr zufrieden mit dem Neustart und dem Verlauf der Saison, vor allem auch auf Mallorca, einem der beliebtesten Sommerziele unserer europäischen Kunden. Insgesamt war 2021 für die Industrie, für alle Fluggesellschaften, Hotels und Touristik-Unternehmen ein Übergangsjahr. Der Neustart wurde hervorragend umgesetzt. Wir sehen weiterhin eine starke Nachfrage für die Balearen aus allen wichtigen europäischen Märkten, insbesondere aus Deutschland. Die Buchungen der vergangenen Wochen lagen sogar über denen im vergleichbaren Zeitraum 2019 – also vor der Krise. Mallorca gehört in allen unseren Märkten zu den drei beliebtesten Urlaubszielen. Der Neustart mit unserem deutschen Tui-Veranstalter an Ostern und mit der „Mein Schiff 2” mit Heimathafen Palma war der Beginn für die Reisesaison 2021. Unsere Hotelpartner und alle im Tourismus tätigen Unternehmen haben einen sicheren und erholsamen Urlaub ermöglicht. Das zeigt auch das Kunden-Feedback der vergangenen Monate. Dafür sagen wir Danke – unseren Gästen für ihre Treue und den Hoteliers und den Partnern vor Ort für Professionalität und große Gastfreundschaft.

MM: Wie haben Sie die Krise für die Balearen insgesamt wahrgenommen und wie wurde damit umgegangen?

Joussen: Die Regionalregierung der Balearen, die Tourismusindustrie und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Urlaubsländern haben enorme Anstrengungen unternommen, um den Tourismus durch die Krise zu bringen. Das ist sehr gut gelungen. Insbesondere in diesen schwierigen Zeiten hat sich die gute Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden und unseren Hotel- und Tourismuspartnern als sehr wertvoll erwiesen. Wir haben eine ganz besondere Beziehung zu Mallorca, denn hier ist auch der Sitz von Riu, unserem sehr erfolgreichen Hotel-Joint-Venture mit der Familie Riu. Riu und Tui, das sind zwei Seiten derselben Medaille, das ist gelebte Partnerschaft und eine Hotel-Marke, die immer wieder Standards gesetzt hat. Jeder bei Tui ist stolz auf diese besondere Beziehung.

MM: Neben der Kooperation mit Riu ist Tui auf der Insel auch im Technologie-Gewerbegebiet Parc Bit aktiv ...

Joussen: Genau. Unsere Tochter Tui-Musement hat ihren Sitz auf Mallorca. Ein absolutes strategisches Wachstumsfeld für den Konzern. Wir steuern von Palma aus weltweit den Gäste-Service am Urlaubs-ort und unsere stark wachsende Ausflugs- und Erlebnissparte. Dazu gehören die Reiseleiter, die persönlichen Service bieten, und heute die digitalen Tui-Plattformen für das internationale Ausflugs- und Erlebnisgeschäft. Insofern sind wir auch als Arbeitgeber und Teil der Innovations- und Kreativwirtschaft ein Stück von Mallorca, hier entstehen viele digitale Services und Innovationen für die Zukunft des Reisens in aller Welt. Man kann sagen, Mallorca ist ein Innovationshub für Tui. Wir beschäftigen hier ganz unterschiedliche Mitarbeiter: Reiseleiter, Servicemanager in Hotels und am Flughafen, aber eben auch Entwickler, IT-Spezialisten und viele kreative „Digital Natives”.

MM: Lässt sich die Sommersaison verlängern? Und welche Ziele sind im kommenden Winter gefragt?

Joussen: Die Saison läuft aktuell Anfang November noch und Palma ist allein aufgrund der vielen Residenten und der Infrastruktur ein Ganzjahresziel. Mit der Universität, dem vielfältigen Kulturangebot, den tollen Restaurants und Geschäften, auch der Internationalität ist Palma über das ganze Jahr ein attraktiver Platz, wenn man so will eine europäische Insel-Metropole. Im Winter verlagert sich die Nachfrage aber mehr auf südlichere und wärmere Gebiete, zum Beispiel die Kanaren. Aber auch die Costa del Sol und die Costa Brava sind Ganzjahresziele für Tui. Es gibt grundsätzlich einen enormen Nachholbedarf. Die Menschen wollen reisen. Das ist gut für den Tourismus und die vielen Beschäftigten in dieser Industrie.

MM: Was sind die Erwartungen der Tui für die Tourismussaison 2022 auf den Balearen? Und müssen die Inseln im Sommer 2022 verstärkt mit dem Erwachen der Konkurrenzgebiete rechnen?

Joussen: Das östliche und das westliche Mittelmeer sind auch 2022 die Favoriten bei der Urlaubswahl und natürlich gehören die Balearen zu den Top-Destinationen. Es ist noch zu früh, um eine Prognose für die Sommersaison 2022 abzugeben. Wir sind aber optimistisch, dass sich der Tourismus im nächsten Jahr auf das Niveau von 2019 erholen kann. Die Buchungen für den Sommer 2022 auf den Balearen aus allen Tui-Märkten sind sehr ermutigend. Die Kundennachfrage und die Buchungsdynamik haben stark zugenommen und die Unsicherheit der Gäste nimmt ab, seit die Reisebeschränkungen aufgehoben wurden. Die Balearen haben sichere und zuverlässige Rahmenbedingungen für den Urlaub geschaffen. Wir haben also gute Gründe, dem Sommer 2022 auf den Balearen sehr optimistisch entgegenzusehen. Ich sehe viele Chancen, weil die Menschen besondere Momente erleben wollen. Das ist der Urlaub, das Hotel oder die Kreuzfahrt. Für viele Menschen sind Erlebnisse und besondere Begegnungen heute wichtiger als Eigentum und Besitz. Davon profitiert das Reisen.

MM: Welche neuen Trends sehen Sie infolge der Pandemie im Reiseverhalten?

Joussen: Ein wichtiger und nachhaltiger Trend ist die Nachfrage der Kunden nach höherwertigen Reisen und zu mehr Zusatzleistungen. Die Gäste sind bereit, mehr Geld auszugeben, zum Beispiel für Zimmer-Upgrades und individuelle, authentische Erlebnisse. Auch die durchschnittliche Aufenthaltsdauer ist leicht gestiegen. Aktuell sehen wir eine starke Verlagerung der Reisen in die Mittelmeerländer. Wir gehen davon aus, dass die Erholung des Geschäfts zu Langstrecken-Zielen etwas zeitversetzt kommt. Momentan haben der Mittelmeerraum und die Kanaren stark profitiert. Aber auch die Fernziele kommen zurück, auch Nordafrika und die Kapverdischen Inseln.

MM: Wie sehen die Pläne des Tui-Konzerns aus, was Investitionen anbetrifft? Hat die Pandemie etwas an diesen Plänen geändert?

Joussen: Wir wollen, wir können und wir werden zu alter Stärke zurückfinden. Wir werden aber unsere schon 2019 vor der Krise begonnene Asset-Right-Strategie fortsetzen. Das heißt: mehr Hotels, die wir betreiben, weniger Hotel-Immobilien, die wir im Besitz haben. Wir sind eine Hotelgesellschaft, kein Immobilienunternehmen. Das Wachstum des Konzerns und seiner Hotels soll von den Investitionen entkoppelt werden. Dabei trennen wir das Hotelmanagement und das Urlaubserlebnis vom Immobilienbesitz, ein Geschäftsmodell, das sich in der internationalen Stadthotellerie bewährt hat. Mit mehr als 400 Hotels ist die Tui international führend in der Ferienhotellerie. Für das Kundenerlebnis sind die Marke und die Qualität des Hotels ausschlaggebend, nicht der Besitz der Immobilie. Wir werden weiterhin maßgeschneiderte Hotelerlebnisse für unsere Gäste schaffen, was durch Managementverträge genau so gut möglich ist. Dabei suchen wir vor allem langfristige, strategische Partnerschaften und ziehen auch Kooperationen mit institutionellen Investoren in Betracht. Wir haben gerade einige unserer Hotels unter das Dach des Joint Ventures Grupotel gebracht, das wir zusammen mit der Familie Ramis erfolgreich betreiben – auch seit vielen Jahren. Für 2022 planen wir außerdem eines der größten Projekte der vergangenen Jahre: den Start eines neuen Tui Sensatori Biomar by Tui Blue. Grundsätzlich umfassen unsere Wachstumspläne Freizeithotels in Europa, Ostasien, Afrika und der Karibik. Spanien insgesamt und Mallorca gehören seit Jahren und auch in Zukunft zu den wichtigsten Destinationen in unserer Wachstumsstrategie. Tui verfügt auf den Balearen aktuell über 50 Hotels der eigenen Hotelmarken, darunter Tui Blue, Robinson, Riu, Grupotel und andere sowie über 30 exklusive Hotels mit langjährigen Hotelpartnern. Aber wie gesagt, wir wollen schwerpunktmäßig mit Partnern wachsen und so unsere Marken-Präsenz ausbauen, zum Beispiel bei den Tui Blue Hotels.

MM: Die Balearen-Regierung setzt auf Nachhaltigkeit und Qualität, das bedeutet höhere Preise. Kommt Ihnen das entgegen oder verringert sich dadurch das Gästeaufkommen?

Joussen: Nachhaltigkeit und Qualität sind wichtiger Bestandteil unserer Strategie. Wir haben in neue Flugzeuge investiert, neue Kreuzfahrtschiffe in Betrieb genommen, und mehr als 80 Prozent unserer Hotels verfügen über eine Nachhaltigkeitszertifizierung, Schon 2019 wurden mehr als 250 Millionen Plastikteile über alle Geschäftsfelder reduziert. Wichtig ist, dass die Umwelt am Reiseziel geschützt wird und ein wirtschaftlicher und sozialer Nutzen für die einheimische Bevölkerung und die lokalen Unternehmen entsteht. Soziale und ökologische Nachhaltigkeit gehören für mich zusammen. Mir hat das Motto des G20-Gipfels gut gefallen, „People, Planet, Prosperity“ – unsere Nachhaltigkeitsagenda heißt „People, Planet, Progress“ – Progress steht für die Bewegung und den messbaren Fortschritt, den wir Jahr für Jahr erreichen wollen. Ich sehe mehr Nachhaltigkeit und die weitere Transformation unternehmerisch als Chance, nicht als Folge von politischer Regulierung. Wir fangen vor allem nicht bei Null an, wir setzen auf die Programme und Erfolge der vergangenen Jahre an. Nachhaltigkeit hatte bei Tui immer einen hohen Stellenwert. Im Unternehmen und vor allem bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Tui vermarktet die Riu-Hotels: Darunter ist auch das San Francisco an der Playa de Palma.
Tui vermarktet die Riu-Hotels: Darunter ist auch das San
Francisco an der Playa de Palma.

MM: Wie gestaltet sich die Abgabe von Anteilen an die Riu-Gruppe? Welche Auswirkungen hat dies für den Kunden?

Joussen: Absolut keine. Tui ist weiter zu 50 Prozent an Riu beteiligt. Kern ist und bleibt auch in Zukunft das erfolgreiche 50:50-Joint-Venture von Familie Riu und Tui, also die Hotelgesellschaft. Unter diesem Dach findet der Betrieb und die Vermarktung aller 100 Riu-Hotels weltweit statt. Es ändert sich für die Kunden nichts und Riu steuert auch wie in der Vergangenheit einen wesentlichen Beitrag zum Ergebnis der Tui-Hotel-Sparte bei. Die Veränderung betraf einen zweiten Arm, eine reine Immobilien-Besitzgesellschaft, die 21 Immobilien-Objekte verwaltet hat. Tui hatte an dieser Immobilien-Gesellschaft nur eine Minderheitsbeteiligung von 49 Prozent. Die Familie Riu hat diese Immobilien nun vollständig übernommen. Der Verkauf ist auch bereits abgeschlossen und hat keine Auswirkungen auf das operative Geschäft. Auch diese 21 Immobilien werden weiter von unserer gemeinsamen Hotelgesellschaft geführt und vermarktet. Für eine Hotelgesellschaft ist nicht der Besitz der Immobilie entscheidend – das ist bei großen internationalen Hotelmarken sogar eher die Ausnahme. Entscheidend ist das Management, das Marketing, die Gestaltung von Hotel- und Urlaubserlebnissen und die Hotelmarken. Da hat sich bei Riu und Tui nichts geändert.

(Das Interview stammt aus der MM-Printausgabe 45/2021. Die Fragen stellte Claudia Schittelkopp.)

Kommentar

Um einen Kommentar schreiben zu können, müssen Sie sich registrieren lassen und eingeloggt sein.

* Pflichtfelder

Thomas / Vor 1 Monat

Sehr geehrter Herr Joussen, was erzählen Sie ? Wer hat die TUI groß gemacht? Die Reisebüros !! Ja , genau die, die sie seit geraumer Zeit in Stich lassen ! TUI war einmal die Nummer 1 bei den Reiseveranstaltern, aber durch Service und Freundlichkeit haben viele kleine ( Olimar, Alltours, schauinsland ) die TUI weit hinter sich gelassen in den Reisebüros !!! Alles meine Meinung und ich verkaufe die TUI schon lange nicht mehr so oft und mit Recht.

Michael Düsseldorf / Vor 2 Monaten

Ach so: er muss teuerer verkaufen um wieder auf Gewinn zu kommen. Begründet den höheren Preis dann Nachhaltigkeit, klingt das natürlich netter und wird auch ideologisch konformer angenommen.

Michael Düsseldorf / Vor 2 Monaten

Herr Joussen hat nicht erwähnt, dass während der Pandemie unzählige TUI-eigene Reisebüros geschlossen wurden und die Anzahl der unternehmenseigenen Flugzeuge gesenkt wurde. Damit verbunden waren hunderte Jobverluste. Soweit ich weiß ist ein Großteil der Angestellten immer noch in Kurzarbeit. Und das Unternehmen bekam 1,8 Millarden Finanzhilfen vom Bund.

Cubay / Vor 2 Monaten

Optimismus in allen Ehren.Bleibt nur zu hoffen dass Familie Omikran einem keinen Strich durch die Rechnung macht.