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Wenn Jaime Martínez die Zustände an der Kryptowährungsfront an der Playa de Palma mit Miami Beach vergleicht, reißt er die Augen vor lauter Unverständnis weit auf. Während man in dem US-Strandort fast an jeder Ecke Bitcoins gegen US-Dollar oder umgekehrt eintauschen könne, sei das in der Mallorca-Urlaubergegend fast nicht möglich. Allein an einer Stelle im Restaurant Chalet Siena könne man das machen, so der Chef der Firma Cripto-Area. Er äußert sich gestenreich bei einer Podiumsdiskussion auf einem von der Unternehmerstiftung Asima und dem spanischen Wirtschaftsministerium organisierten Treffen.

In der alten Feuerwache im Gewerbegebiet Son Castelló sind Experten zusammengekommen, um sich über die rasante Entwicklung in der Welt der schein- und münzenlosen Währungen zu unterhalten. Vertreter der Balearen-Uni sind da, Unternehmer, die damit zu tun haben, auch junge Freaks mit Nasenringen und 70er-Hippiehaaren und der ein oder andere Nerd mit Bill-Gates-Frisur und Nickelbrille.

Vor allem Letztere hängen Jaime Martínez an den Lippen, wenn er etwa von elektronischen Bitcoin-Brieftaschen, den sogenannten Wallets, redet. Transaktionen bei Betrieben, die dem System angehören, würden nur noch per QR-Code ausgelöst. Banken würden so überflüssig. Klar, vergesse man den Wallet-Code, verliere man alles.

Die Bitcoin-Währung ist die bekannteste Kryptowährung, es ist ein aus komplizierten Formeln bestehendes, dezentral von Computern in aller Welt am Laufen gehaltenes System. Neue Bitcoins, Millionen sind bereits im Umlauf, werden von sogenannten Minern generiert. Die fassen Transaktionen zu Blöcken zusammen und verketten diese zu Blockchains.

Für jede dieser mit immensen Computer-Kapazitäten ermittelten Datensätze erhalten sie einen Spezialcode und werden dafür entlohnt. Damit das System nicht instabil wird, haben die Erfinder – sie traten vor Jahren mit dem japanischen Namen Satoshi Nakamoto in Erscheinung – die Höchstzahl von 21 Millionen Bitcoins bestimmt.

Auch der Finanzexperte Javier Molina ist euphorisch, als er in der Feuerwache spricht. „Bei Blockchain-Transaktionen im Geschäftsleben fallen Mittelsleute weg”, ruft er wie ein Motivationstrainer ins Publikum, „die Privatsphäre ist besser geschützt und ohnehin ist alles vernetzter.” Molina ist begeistert, die Freaks und die Nerds auch. Doch der Experte warnt: Man sollte zunächst mit kleinen Mengen Geld in die schöne neue Welt einsteigen. Mit noch mehr Distanz sieht der Wirtschaftsforscher José Antonio García Bustos das Ganze, findet aber auch, dass im Währungsbereich ein grundlegender Wandel im Gange sei. Er und auch einige Unternehmer empfehlen zukünftigen „Coinern”, sich erst profund mit dem Thema auseinanderzusetzen und es zu verstehen, bevor man sich hineinwagt.

Klar ist, dass es in der schönen neuen Bitcoin-Welt keine Inflation gibt. Das erklärt auch, warum besonders Menschen in Staaten mit butterweichen Währungen wie Venezuela oder Argentinien zunehmend daran glauben. Bei dem Treffen in der alten Feuerwache fällt in diesem Zusammenhang ein Zauberbegriff: Bitcoins seien virtuelles Gold. Komme ein Bank-Crash, könne man in der Blockchain-Welt sein Vermögen sichern.

Doch es gibt viele Zweifler, etwa den Kult-Investor George Soros. Der bezeichnete den Bitcoin vor einiger Zeit schon als „Blase” und „Spekulation”.