Mallorcas "Costa Concordia"

Vor 30 Jahren kenterte die "Ciudad de Sevilla" an den Klippen von Marivent

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Die gekenterte "Ciudad de Sevilla". Im Hintergrund ist rechts der Marivent-Palast sowie die Skyline von Calamajor zu sehen.

Die gekenterte "Ciudad de Sevilla". Im Hintergrund ist rechts der Marivent-Palast sowie die Skyline von Calamajor zu sehen.

Foto: Foto: Ultima Hora
Die gekenterte "Ciudad de Sevilla". Im Hintergrund ist rechts der Marivent-Palast sowie die Skyline von Calamajor zu sehen.Über Jakobsleitern verlassen die Passagiere das Schiff (rechts im Bild).

Das Schiff liegt nur wenige Meter vor der Küste, die Uferfelsen sind zum Greifen nah. Dennoch kommt keiner der Passagiere ohne Kletterpartie an Land. An netzartigen Strickleitern müssen sie herabgleiten, um sich in Sicherheit zu bringen. In langen Reihen warten die Menschen darauf, das Schiff verlassen zu können, während der stählernde Gigant, leckgeschlagen an Riffen, voll Wasser läuft und sich allmählich mit Schlagseite seewärts neigt.

Das Szenario erinnert an das Unglück des Kreuzfahrtschiffes "Costa Concordia", das im Januar dieses Jahres an der Küste des italienischen Inselchens Giglio kenterte. Doch die Aufnahmen auf den Schwarz-Weiß-Fotos zeigen ein anderes, älteres Drama: Genau 30 Jahre ist es her, dass das spanische Fährschiff "Ciudad de Sevilla" direkt vor Palma kenterte. Im Oktober 1982 schlug das 8700-Tonnen-Schiff an den Klippen zwischen dem Westkai Dic de l' Oest und dem Königspalast Marivent leck.

Palmesaner, die um die 40 und älter sind, erinnern sich allesamt an das Ereignis: "Das war spektakulär! Zum Glück kamen damals keine Menschen zu Schaden", sagt Gabriel Alomar, Nautikexperte der Verlagsgruppe Serra. Nicht so beim Schiffsunglück in Italien: Dort sind 32 Todesopfer zu beklagen.

Was war 1982 geschehen? Das Mallorca Magazin schilderte den Schiffsunfall in seiner Ausgabe 44 vor genau drei Jahrzehnten mit folgenden Worten:

Es war ein trüber Morgen an diesem 19. Oktober. Die Reise von 269 Passagieren an Bord des Fährschiffes "Ciudad de Sevilla" war wie tausend Fahrten vorher verlaufen: Das Schiff hatte einigermaßen pünktlich gegen Mitternacht in Barcelona abgelegt, die Passagiere hatten in den Kabinen geschlafen oder in den Salons gelacht, getrunken und gespielt. Die Küste Mallorcas kam in Sicht, an diesem Morgen grau, der Himmel wolkenverhangen.

Wenige Meter vor dem Ziel, der Hafeneinfahrt von Palma, stoppen die Motoren, das 138 Meter lange Schiff treibt auf dem Wasser.

Plötzlich wurde es still auf der "Ciudad de Sevilla", und die Lichter gingen aus. "Wir dachten an einen Stromausfall", erzählte ein Passagier später, "erst als wir das Dröhnen der Maschinen unter Deck nicht mehr hörten, begannen wir zu ahnen, dass etwas nicht in Ordnung war." Die riesigen Diesel des Schiffs waren wegen eines Defekts stehengeblieben. Und zu allem Unglück funktionierten auch die Notstromaggregate nicht - im Bauch des Schiffes blieb es dunkel.

Die Fähre, beladen mit 50 Autos, mehreren Lastzügen und Tonnen von Lebensmitteln für die Versorgung Mallorcas, wurde ein Spielball von Wind und Wellen. Die Böen drehten die "Ciudad de Sevilla" um 180 Grad.

Wie im Falle der "Costa Concordia" wurde bald nach dem Unglück Kritik am Kapitän laut. MM schrieb bereits in seinem ersten Bericht:

Und die Männer auf der Brücke erkannten als erste die große Gefahr, die dem Schiff drohte: nämlich an die Küste, auf die Klippen unterhalb des Königspalastes getrieben zu werden. Die Reaktion des Kapitäns und seiner Offiziere blieb dennoch unverständlich: sie unternahmen nichts, um Hilfe zu holen - der Hafen von Palma war in Sichtweite, Schlepper hätten leicht herbeigerufen werden können.

Um 8.30 Uhr prallte die "Ciudad de Sevilla" mittschiffs gegen den Felsen, der sich am FKK-Kiesstrand Sa Punta des Grells befindet. Eine riesige Bresche öffnete sich im Stahlkoloss, pro Stunde drangen bis zu 1000 Liter in den Rumpf ein. Panik brach jedoch nicht aus. "Die Menschen reagierten überaus vernünftig", sagte ein Passagier.

Während die Fahrgäste nach und nach in Sicherheit gebracht wurden, stand der Maschinenraum bald drei Meter tief unter Wasser. Im Frachtraum verrutschte angesichts der Schlagseite die Ladung, die Lastwagen kippten um und zermalmten die Wagen unter sich.

Die Behörden versuchten zu retten, was zu retten war. Der in den Tanks der Fähre verbliebene Treibstoff wurde rasch abgepumpt, um eine Ölverschmutzung der Küste und des nahen Strandes von Calamajor zu vermeiden. Die Fährgesellschaft engagierte Experten der niederländischen Bergungsfirma Smit-Tak, aus Italien wurde ein Schwimmkran angefordert, mit dem in den folgenden Wochen die Autos von See aus aus dem Wrack geborgen wurden. Die verdorbene Ware soll bestialisch aus dem Rumpf heraus gestunken haben.

Erst nach 49 Tagen, am 5. Dezember, konnte die "Ciudad de Sevilla" mithilfe von fünf Schleppern von der Klippe heruntergezogen werden. Die Lecks waren zuvor behelfsmäßig abgedichtet worden. Das erst zwei Jahre zuvor in Betrieb genommene Schiff wurde nach Cartagena gebracht und dort im Trockendock repariert. Danach war es noch jahrelang im Dienst.

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