Lokalhistoriker Dídac Martorell führt seine Gruppe auf die alte Eisenbahnbrücke von Arenal. | as

0

An einem späten Samstagmorgen im Winter ist Arenal alles andere als eine geschäftige Tourismusdestination. Viele Hotels, Läden und Restaurants haben geschlossen, in wenigen geöffneten Bars wird hier und dort noch schläfrig im Kaffee gerührt. Dementsprechend auffällig wirkt eine Gruppe von 25 Teilnehmern, die sich langsam durch die Straßen bewegt und gebannt den Schilderungen des Lokalhistorikers Dídac Martorell lauscht.

Eben geht es auf der ehemaligen Trasse der Eisenbahn Palma-Santanyí, die hier einst durch Are-nal verlief, auf die gut 20 Meter hohe Brücke, die das Trockenflussbett Torrent dels Jueus überspannt und einen ungeahnten Ausblick auf den geradezu chaotisch verbauten Küstenort bietet. „Von 1916 bis 1964 fuhr hier die Eisenbahn“, sagt Martorell mit einer Mischung aus Stolz, Verwunderung und auch Verärgerung darüber, dass dieses einst so fortschrittliche Verkehrsmittel hier nicht mehr existiert. Was wäre Arenal heute mit einer guten Anbindung an Palma per Bahn?

Lokalhistoriker Dídac Martorell führt seine Gruppe auf die alte Eisenbahnbrücke von Arenal.
Lokalhistoriker Dídac Martorell führt seine Gruppe auf die alte Eisenbahnbrücke
von Arenal. Die Bebauung am Fluss hat sich verändert.
Das rechte Haus an der unteren Brücke
steht noch. Foto: Sebastià Mulet

Kaum einer der Millionen Besucher, die Jahr für Jahr aus aller Welt im östlichen Winkel der Playa de Palma ihre Ferien verbringen, nimmt den „Judenbach“ unterhalb der alten Eisenbahnbrücke als kommunale Grenze wahr. Das meist trocken daliegende, ausbetonierte Flussbett trennt Palma und Llucmajor. Zu beiden Seiten des Baches wird das Viertel Arenal genannt, also „Sandbereich”, entsprechend dem weitläufigen Strand, an dem es liegt.

Seit über einem halben Jahrhundert lebt die gesamte Zone ausschließlich vom Tourismus, erklärt Dídac Martorell. Es entstanden seit den 1970er Jahren gewaltige Blöcke als Hotels oder Wohngebäude für die Urlauber und die Beschäftigten der neuartigen touristischen Industrie. Davor war alles anders. In Arenal, das einst aus einer Ansammlung winziger Häuser bestanden hatte, waren neben ein paar Fischern vor allem Steinmetze zu Hause. Es gab so viel Arbeit, dass sich selbst Zunftkollegen aus Muro, Sa Pobla und Petra dort niederließen.

An den Klippen am Meer sowie in den Steinbrüchen im Hinterland schlugen und sägten sie den Marés-Sandstein aus den Felsen. Mit den Quadern wurden auf Mallorca traditionell Gartenmauern, Ställe und Wohnhäuser errichtet. Es war eine knochenharte Arbeit unter sengender Sommersonne oder im pfeifenden Wind im Winter, und wer als „Trencador“ diesem Handwerk nachging, war sich seiner Kraft und Zähigkeit als „Steinbrecher” bewusst. So sehr, dass sich die Zunft im Jahre 1896 eine eigene Heilige gab und dieser „Senyora dels Trencadors“ eine Kirche aus Sandstein errichtete.

Die Kirche der Heiligen Jungfrau der
Steinmetze wurde 1896 eingeweiht.
Foto: Archiv Onofre Llinàs Llodrà

Den Glockenturm von damals zerstörte
1906 ein Blitzschlag.


Martorell führt die Gruppe weiter zu jenem Bau, der zwischen den schmucklosen Wohngebäuden wie ein Relikt aus Urzeiten wirkt. „Der Kirchturm, den es hier auch gab, wurde bereits 1906 durch Blitzschlag zerstört.” Noch kurioser ist die Basis des Gotteshauses. Sie besteht aus natürlichem Fels, der sorgsam aus dem Untergrund herausgearbeitet ist. Kurioses Detail: Auf der Rückseite des Baus ist von der Straße aus eine Metalltür im Gestein zu sehen, die einst den Zugang zu einem Luftschutzkellers aus der Zeit des Bürgerkrieges freigab.

Waren die alten Trencadors noch fest im katholischen Glauben verwurzelt, so neigten die jüngeren Generationen dem Sozialismus und Kommunismus zu. „Sie waren links, gut organisiert, und sie machten sich für die Republik stark“, fasst Martorell zusammen. Den klassenbewussten Arbeitern standen die adeligen Großgrundbesitzer und konservativ-bürgerlichen Kreise gegenüber, die mit Landwirtschaft und Handel reich geworden waren. Letztere besaßen Villen und Sommerhäuser auf dem Hügel oberhalb von Arenal. Eines dieser frühen Anwesen samt Meerblick in der heutigen Lisboa-Straße war der Namensgeber für das heutige Wohnviertel „Bella Vista“.

Ähnliche Nachrichten

„S’Arenal war reich an politischen Spannungen zwischen links und rechts“, beschreibt Martorell die Verhältnisse in den 1930er Jahren. Während der Spanischen Republik (1931-1936) hielten die Steinbrecher Aufmärsche und gewerkschaftliche Feiern zum 1. Mai ab. Die „roten” Arbeiter waren konservativen Kreisen ein Dorn im Auge.

Die Eisenbahn Palma-Santanyí passierte
von 1916 bis 1964 auch Arenal.
Foto: Archiv Onofre Llinàs Llodrà

Wo einst die Schienen verliefen, befindet
sich heute ein Sandweg. Das rechte Haus
von damals steht noch.

Arenal hatte sich bereits damals stark gewandelt. Noch bis 1905 war das gesamte Gebiet ein einziger riesiger Kiefernwald gewesen. Der „Pinar” gehörte zu drei großen Agrargütern: Son Sunyer, Son Delabau und Son Verí de Baix. Dann begann die Parzellierung, die Anlage von Straßen und Grundstücken zum Bau der Siedlung links und rechts des Torrents. Im selben Jahr wurde die Carretera Militar angelegt, die Palma mit der Küstenfestung am Cap Rocat verband.

Schon damals erwarb ein reicher Geschäftsmann, Joan Catayn Salvà, rund 430 Hektar, der jedoch mit der Parzellierung sein Geld verlor, bis eine Bank das Projekt übernahm. In Arenal entwickelte sich neben den Steinbrüchen eine ganze Siedlung samt ersten Übernachtungsbetrieben („Fondas“), einem Kino, zahlreichen Bars und Cafés, für die unterschiedlichen Parteigänger der stark gespaltenen Gesellschaft. 1933 weihte der republikanische Bürgermeister Emili Darder den ersten Schulneubau von ganz Palma ein. Bis dahin hatte es in Arenal „zwei” Schulen gegeben, eine für Mädchen und eine für Jungs. Nun wurden die Kinder der neuen Zeit gemäß gemeinsam unterrichtet. Der damalige Schulbau steht noch und dient heute der Erwachsenenbildung. Emili Darder wurde nach Ausbruch des Bürgerkrieges 1937 zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Einweihungsfeier 1933 an der Schule von
Arenal. F.: Archiv Maribel Servera Giménez
Der Bereich unter dem Vordach
ist heute ummauert.

Sein Nachfolger unter den Franquisten, Bürgermeister Mateu Zaforteza, hatte ebenfalls eine enge Beziehung zu Arenal: Sein luftig gelegenes Sommerhaus in Bella Vista wurde später zum Hotel Copacabana.

Weiter zieht Martorell mit seinem Tross durch die engen, schluchtartigen Straßen, vom Platz des verschwundenen Bahnhofs zur Baustelle auf der Plaça Taronja. Schon 1926 hatte das Rathaus von Llucmajor, das für das östliche Arenal zuständig ist, die Vorgabe gemacht, dass alle Häuser des Küstenortes eine überdachte Terrasse vor ihrer Außenfront haben müssen. Ziel war es, auf diese Weise ein architektonisch einheitliches Bild zu bieten. So kam es zu den auf Säulen ruhenden Vordächern, wie sie für den Ort einst typisch waren und an traditionellen Immobilien aus alter Zeit nach wie vor zu finden sind.

Martorell weiß zu nahezu jedem dieser Häuschen unzählige Anekdoten zu erzählen. Im Carrer Quarter befand sich bis 2006 die abgerissene Wache der Carabineros. Diese lokale Polizeieinheit hatte sich bei Ausbruch des Bürgerkriegs auf die Seite des aufständischen Militärs geschlagen und paradierte bewaffnet durch den Ort, um die Linke einzuschüchtern.

Im Carrer de Sant Cristobal 32 entstand einst die erste Bäckerei, nebenan befand sich das Café eines rechten Wirts, der sich zunehmend radikalisierte und als Chef der örtlichen Falange-Partei die im Krieg unterlegenen Republikaner drangsalierte. Ganz in der Nähe lebte eine Metzgerin , die wegen abfälliger Bemerkungen über die Franquisten von einem Kind denunziert wurde und mehrere Jahre im Gefängnis landete. Zwei Ecken weiter wohnte eine Frau, die bereits 1929 in dem ersten in Arenal veröffentlichen Buch für die Emanzipation ihrer Geschlechtsgenossinnen eingetreten war. „Ihr seht, hier hat sich schon vor dem Aufkommen des Tourismus sehr viel zugetragen“, sagt Martorell und deutet in erster Meereslinie auf ein Hochhaus. Wo früher eine kleine Polit-Bar existiert hatte, ragt nun ein riesiges Hotel, das ehemalige San Diego und heutige Whalabeach, in den Himmel. Das war der Beginn des Massentourismus in Arenal. Aber das ist eine ganz andere Geschichte ...

Der Carrer de Sant Cristòfol am Hotel
Whalabeach hieß einst Camí de S’Algar,
weil damals Bauern aus Llucmajor am
Strand angespülte Posidonia als Dünger
abtransportierten. Foto 1932: Postkarte
Edicions J. Salvà, Achiv Rathaus Llucmajor

Das zweite Haus links (in Rot)
steht unverändert da.





(aus: MM 1/2022)