Naturwunder. | Tony Merino

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Fäkalwasser verschmutzt ein Inseljuwel, die Höhle von Vallgornera in der Gemeinde Llucmajor. Sie ist die größte Höhle Mallorcas und eine der größten Europas mit einer einzigartigen Vielfalt an Tropfsteinformationen. Das Schmutzwasser sickert von den direkt über der Höhle gelegenen Siedlungen Es Pas, Cala Pi und Vallgornera durch das Gestein. Sie besitzen kein Abwassersystem. Eine schnelle Lösung ist gefragt, doch vorerst wird nichts passieren.

Ursprünglich wollte das Rathaus von Llucmajor Abwasserleitungen bauen, was auch den Richtlinien des Inselrats entspricht. Doch eine vom Rathaus in Auftrag gegebene Studie des Spanischen Geologischen Instituts empfiehlt überraschenderweise Klärgruben. Es habe sich herausgestellt, dass die Höhle bei Bauarbeiten für Abwasserleitungen einstürzen könnte, erklärt der Stadtbaurat von Llucmajor, Jaume Tomàs. "Die Geologen empfehlen Klärgruben über der Erde oder leicht eingesetzt, aber in jedem Fall wasserdicht." Aufgrund des geologischen Berichts musste das Rathaus seine Baupläne ändern. Für die neuen Pläne muss ein neues Umweltgutachten erstellt und vom Inselrat abgeseget werden. "Ein bis anderthalb Jahre wird das dauern", meint Tomàs.

Durch Zufall wurde die Höhle von Valllgornera beim Bau eines Brunnens 1968 entdeckt. Seit 2000 steht sie unter Schutz. Zutritt ist nur für wissenschaftliche Zwecke erlaubt. 78 Kilometer sind bislang erschlossen. Zu den Höhlenforschern gehört Tony Merino vom Balearischen Speläologenverband. Seit 27 Jahren erkundet er die Höhle. "Wir entdecken Dinge, von denen man nicht glaubt, dass die Natur fähig ist sie zu erschaffen." Die Entdeckerleidenschaft steckt an. Wenn Merino erzählt, taucht man im Geiste mit durch unterirdische Seen, zwängt sich durch enge Schächte und krabbelt auf allen Vieren über karstiges Gestein, mit der Stirnlampe in die Dunkelheit leuchtend, vorsichtig, um nichts kaputt zu machen.

Auf drei Ebenen verteilen sich Säle, Seen mit klarem Wasser und ein verwobenes Labyrinth aus Gängen. Ein Saal ist dreimal so lang wie ein Fußballfeld. "Wir haben keinen Namen gefunden, der ihm gerecht wird. Deshalb heißt er Saal ohne Namen", sagt Merino. Surreale Tropfsteinformationen schaffen eine bizarre Traumwelt. Zu Hunderten hängen hauchdünne Gardinen-ähnliche Gebilde an den Wänden. Kräftig blasen reiche schon, damit sie zerbrechen, meint Merino. Manche Tropfsteine erinnern an verwunschene Schlösser, andere an Kegelspiele, bei einigen denkt man an außerirdische Drohnen. Die meisten sind einfach nur Kunstwerke der Natur.

"Wenn sie vom Boden emporwachsen, sagt man Stalagmiten, hängen sie von der Decke, sind es Stalaktiten", erklärt der Speläologe. Je nach Gestein scheinen sie bei Beleuchtung blau, rot, orange oder gelb. Auch fluoreszierende Kristalle sind dabei. An den Wänden stecken versteinerte Schnecken, Korallen, Muscheln und Seeigel.

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Maximal sechs Personen dürfen gleichzeitig in die Höhle. Jeden zweiten Samstag kommt Tony Merino mit einem Team der Balearenuniversität. Jahrelang war der Hobby-Höhlenkundler jedes Wochenende hier. Was ihn motiviere? "Ich erforsche Stellen, an denen noch keiner war, und ich weiß nie, was mich erwartet." Je mehr man wisse, desto mehr entdecke man. "Wir studieren jetzt die Mineralien. Seit ich mich deshalb auf den Knien durch die Höhle taste, sehe ich noch viel mehr." Um die zehn Kilogramm Gepäck trägt er bei sich, einen Neoprenanzug zum Tauchen und selbstpräparierte Regenstiefel. "Wir stechen Löcher hinein, damit das Wasser abläuft."

Die Luft sei im allgemeinen gut, was durch das poröse Gestein komme, und stets um die 20 Grad warm. Eine Expedition dauere meist zwölf Stunden und keine Minute werde dabei vergeudet. Auch übernachtet haben sie schon in der Unterwelt, auf Hängematten. "Man schläft aber nicht sehr gut dort." Da muss man ja auch mal auf Toilette gehen. "Das kleine Geschäft darf man frei verrichten, wo Wasser ist. Das große kommt in Plastikbeutel, die wir mitnehmen", erklärt Merino mit einem Lachen.

Mehrere Gruppen forschen zur Zeit in Vallgornera. Guiem Mulet, der Präsident des Speläologenverbandes, erkundet mit einer Gruppe neue Galerien. Sie liegen vier bis fünf Stunden Fußmarsch vom einzigen Eingang der Höhle entfernt. Mit einem Faden markieren sie den Weg um zurückzufinden. Physische und psychische Stärke sei gefragt. "Aber diese Galerien sind wieder ganz anders, es ist als ob man eine völlig neue Höhle entdeckt."

Seit zweieinhalb Millionen Jahren sei die Höhle verschlossen, wahrscheinlich als Folge eines Erdrutsches, sagt Mulet. Der älteste Skelettfund weist darauf hin. Die Knochen gehören zu einem Myotragus, dem ziegenartigen Urtier der Insel. Insgesamt sind acht Myotragus-Skelette gefunden worden, auch Knochen von anderen Tieren wie Fledermäusen, Ratten oder Eulen. Lebende Tiere finden sich lediglich in den Seen. Es sind kleine Krustentiere. Zeugnisse menschlicher Existenz gibt es nicht. Menschen leben erst seit gut 5000 Jahren auf Mallorca. Da war die Höhle längst geschlossen. Wie groß sie insgesamt sei, könne man noch nicht sagen. Nur eines ist gewiss: Es gibt noch viel zu erkunden.

(aus MM 33/2017)