Der „Rote Blitz” rattert wieder nach Sóller

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Noch gibt es viel Platz, die offenen Fenster erlauben zudem viel frische Luft und atemberaubende Ausblicke unterwegs.

Noch gibt es viel Platz, die offenen Fenster erlauben zudem viel frische Luft und atemberaubende Ausblicke unterwegs.

Foto: P. Lozano
Noch gibt es viel Platz, die offenen Fenster erlauben zudem viel frische Luft und atemberaubende Ausblicke unterwegs.Los gehts...Sind mit dabei, bei der ersten Post-Covid-Fahrt: Dirk und Regina Müller

Es war ein durchaus feierlicher Moment. Pünktlich um 9 Uhr erwachte der holzvertäfelte Retrozug am vergangenen Donnerstag aus seinem durch die Corona-Pandemie zwangsverlängerten Winterschlaf. Nach mehr als drei Monaten ratterte er erstmals wieder von Sóller ins 27 Kilometer entfernte Palma. An Bord der seit 1912 in Betrieb befindlichen Oldiebahn: etwa 40 Passagiere, darunter Bahnpersonal, Medienvertreter, einheimische Eisenbahnfans und Óscar Ma-yol, seines Zeichens Chef des Betreiberunternehmens „Tren de Sóller”.

Eine halbe Stunde vor ihrer Ankunft wurde die Premieren-Bahn auch in Palma schon sehnlichst erwartet. Etwa 20 Touristen, die meisten davon aus Deutschland, empfingen den sechs Waggons langen Zug am kleinen Bahnhof an der Carrer d’Eusebi Estada, auch er mittlerweile unverkennbar von der „neuen Normalität“ geprägt. Abstandsmarkierungen am Bahnsteig sollen die Einhaltung des Mindestabstands gewährleisten, Barrieren sorgen dafür, dass sich ein- und aussteigende Passagiere nicht in die Quere kommen und vor jeder Abfahrt macht sich ein Putztrupp an die Desinfektion der Waggons.

„Am Bahnhof und im Zug herrscht Maskenpflicht“, erklärt Mayol, „das wird vom Bahnsteigpersonal und vom Fahrkartenverkäufer im Zug kontrolliert.“ Gesperrte Sitzplätze gibt es allerdings nicht, Familien oder Paare dürfen in Gruppen zusammensitzen. „Zwischen diesen Gruppen soll aber auf Abstand geachtet werden, das gilt auch für Fahrgäste, die ohne eine enge Kontaktperson unterwegs sind“, ergänzt ein Bahnmitarbeiter.

Noch ist die kleine Bahnhofshalle verwaist und der Fahrkartenschalter geschlossen. Tickets können ausschließlich im Zug und in bar gekauft werden (Hin- und Rückfahrt 25 Euro, inklusive Weiterfahrt nach Port de Sóller 32 Euro). Mit steigender Nachfrage will man dies aber ändern.

Zweimal täglich pendelt der „Rote Blitz“ bislang zwischen Sóller und Palma hin und her. Vom Orangendorf geht es um 9 Uhr und 17.30 Uhr in die Inselhauptstadt, von dort um 10.30 Uhr und 18.45 Uhr wieder zurück. Mit dem Vorjahrsbetrieb lässt sich das nicht vergleichen. „Normalerweise fahren in der Hauptsaison bis 11 Uhr bereits drei Züge ab Palma los. Hinzu kommen die von den Reiseveranstaltern gebuchten Züge“, berichtet ein Bahnmitarbeiter.

Insgesamt genossen im vergangenen Sommer fast eine Million Fahrgäste die gemütliche Bahnfahrt mit Panoramablick auf die Serra de Tramuntana. Für die Durchquerung des Gebirges wurden 13 Tunnel, der längste davon über 2,8 Kilometer lang, sowie der 52 Meter lange Viadukt Cinc Ponts in mühevoller Arbeit in Stein gehauen. Anfangs wurde der Zug vor allem für den Transport von Orangen und landwirtschaftlichen Gütern aus dem schwer zugänglichen Sóller genutzt, später verwandelte er sich in eine Touristenattraktion.

Schrittweise soll der Bahnbetrieb nun wieder hochgefahren werden. Das gilt für die Zugfrequenz, aber auch das Personal. Erst 30 Prozent der Angestellten sind zurzeit wieder in Arbeit, entlassen wurde jedoch bislang niemand. Eigentlich sollte der Zug erst am 1. Juli wieder reaktiviert werden. „Auch wenn es bislang wenige Urlauber gibt, wollen wir aber unbedingt zur Reaktivierung des Tourismus beitragen“, begründet Unternehmenschef Mayol den vorgezogenen Termin, räumt aber ein: „Diese Saison wird schwierig. Es kommen zwar Flieger an, aber bislang sind sie nicht voll.“

John und Paulina aus Hamburg zählen an diesem Donnerstag zu den Premieren-Gästen des „Roten Blitzes“. Pünktlich zum Ende des Alarmzustands am 21. Juni stiegen die beiden in den Flieger Richtung Insel. „Ich kann nachvollziehen, wenn Leute im Moment nicht reisen wollen. Aber es ist mein Jahresurlaub und der war lange geplant“, erzählt die Krankenschwester, der die Tour in der Oldiebahn von Freunden empfohlen wurde.

Auch Dirk und Regina Müller aus Mülheim an der Ruhr haben sich an diesem Morgen am Bahnhof eingefunden. „Wir haben den Zugausflug schon dreimal gemacht“, erzählt Dirk, der 1970 mit seinen Eltern das erste Mal Ferien auf Mallorca machte. Eigentlich wollte das Paar in diesem Sommer an den Bodensee reisen. „Aber das Wetter war schlecht, da haben wir spontan Mallorca gebucht“, erzählt der Ruhrgebietler, der sich mit einer selbst geschneiderten Maske mit der Aufschrift „Corona Island“ auch humortechnisch für den Urlaub gerüstet hat.

Wirklich Angst vor einer Ansteckung muss er aber wohl nicht haben. (Noch) gibt es Platz im Übermaß, die beiden Deutschen haben einen der holzverkleideten Waggons fast für sich allein. Während sie noch aus dem Fenster winken, rumpelt der Holzzug pünktlich auf die Minute auch schon los, akustisch angemessen untermalt von einem wahrhaft ohrenbetäubenden Pfiff des Schaffners.

Kommentar

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GM / Vor 4 Monaten

och wie schön...auch mit Masken. Nein Danke....da kommen nicht wirklich Urlaubsgefühle auf. Man fühlt sich eher wie im Krankenhaus auf der Intensivstation. Aber man muss sich ja schützen, bis der Impfstoff da ist....(lt. Regierung) lol