Ein ganzes Jahr Ramon Llull

| Mallorca |
Für die Nachwelt in Bronze gegossen: Die Statue von Ramon Llull am Passeig Sagrera in Palma.

Für die Nachwelt in Bronze gegossen: Die Statue von Ramon Llull am Passeig Sagrera in Palma.

Foto: Foto: Pere Bota
Für die Nachwelt in Bronze gegossen: Die Statue von Ramon Llull am Passeig Sagrera in Palma.In dieser Abbildung zeigt Ramon Llull auf den "Baum des Wissens". So hieß eine Fassung seiner "Kunst", die er in Rom verfasste.

Ein ganzes Jahr lang wird auf Mallorca mit verschiedenen Veranstaltungen des Theologen, Philosophen und Missionars Ramon Llull gedacht, der um 1232 in Palma geboren wurde und der vor 700 Jahren starb. Dass das Gedenkjahr vor etwa zwei Wochen ausgerechnet an einem 27. November begann, geschah nicht ohne Grund: Obwohl Llull seiner Nachwelt mehr als 280 Schriften hinterlassen hat, weiß man von ihm weder genau, wann er geboren wurde noch wann er starb. Als Todesjahr wird mal 1315, mal 1316 genannt.

Auch andere biografische Daten sind längst nicht so gesichert, wie es scheint. Denn vieles, was über das Leben Llulls bislang gesagt wurde, beruht auf seiner Autobiografie "Vita coetanea", die Llull vermutlich 1311 einem Mönch in der Kartause von Vauvert in die Feder diktierte. Nicht alles, was darin stehe, könne man für bare Münze nehmen, meint Viola Tenge-Wolf vom Raimundus-Lullus-Institut an der Theologischen Fakultät in Freiburg. Die "Vita coetanea" müsse man als Selbstdarstellung betrachten, mit der Llull für seine Missionspläne warb.

Mittlerweile wird sogar bezweifelt, dass Llull aristokratischer Herkunft war, es bei Hofe bis zum Erzieher des späteren Königs Jaume II. und zum Seneschall brachte, wie er selbst behauptete. "Es gibt historische Dokumente, die nachweisen, dass weder er selbst noch einer seiner Vorfahren je geadelt wurden", sagt Tenge-Wolf. "Um ein hohes Amt wie das eines Seneschalls am Königshof einnehmen zu können, hätte Llull jedoch dem Hochadel angehören müssen."

Folgt man dagegen der "Vita coetanea", dann führte Llull ein höfisches Dasein, hatte Frau und zwei Kindern, gefiel sich als Troubadour. Als er eines Nachts über einem Liebesgedicht an ein Fräulein brütete, erschien ihm Christus am Kreuz, was sich in den Folgenächten viermal wiederholte. Llull verstand dies als Wink Gottes, sein weltliches Leben aufzugeben.

Wären seine Visionen heute ein Fall für den Psychiater? Antoni Bordoy, Philosophieprofessor und Llull-Experte an der Universität der Balearen (UIB) hält es für plausibler, dass der Lebemann in einer existenziellen Krise steckte. "Zu seiner Zeit drückte man dies eben anders aus. Zum Beispiel schilderte man Albträume oder Dinge, die einem zwischen Wachsein und Schlaf widerfahren, wenn sich Realität und Traum mischen."

Llulls Frau versuchte gleichwohl, ihren Mann vor Gericht für verrückt erklären zu lassen. Dies hatte handfeste finanzielle Gründe: Der Bekehrte war im Begriff, seinen gesamten Besitz zu veräußern, um alles Geld in die Missionierung Andersgläubiger zu stecken. Seine Familie wäre dadurch mittellos auf der Straße gelandet. Zwar lehnt das Gericht die Klage ab, doch Llull musste genügend Mittel für den Unterhalt von Frau und Kindern hinterlegen.

Nach zwei Pilgerfahrten kehrte Llull zunächst nach Mallorca zurück. Überzeugt, dass man die Sprache und Kultur der Andersgläubigen kennen müsse, um sie zu bekehren, kaufte er einen muslimischen Sklaven. Von ihm ließ er sich neun Jahre lang unterweisen. Tatsächlich schrieb er einige seiner Bücher auf Arabisch, kannte den Koran und seine Auslegungen. Und Werke wie sein "Buch vom Freunde und vom Geliebten" weisen laut Bordoy durchaus sufistische Züge auf.

Mit Unterstützung von Jaume II. gründete Llull das Kloster Miramar, um dort 13 Franziskaner auszubilden. Sie lernten dort nicht nur Arabisch und Hebräisch, sondern etwas, das Llull als "Ars" (Kunst) oder "Ars magna" (Große Kunst) bezeichnet.

Laut "Vita coetanea" erhielt er sie durch göttliche Erleuchtung auf dem Berg Randa. Dort hauste er nahe dem Kloster Cura in einer erdlochartigen Höhle, die heute noch zu besichtigen ist. "Wir wissen nicht, wie er auf dem Berg lebte", relativiert Bordoy diese Erzählung. "Aber vermutlich wurde er versorgt, um ein kontemplatives Leben führen zu können." Bezüglich der göttlichen Eingabe meint er: "Möglich, dass es eine Erleuchtung war, möglich auch, dass ihm nach längerem Nachdenken ein Licht aufging."

Llulls Kunst sollte den Missionaren als wirkungsvolles Mittel zur Bekehrung Andersgläubiger dienen. Durch die Kombination allgemein anerkannter Konzepte ließen sich logische Schlüsse über Wahrheit und Irrtum ziehen, womit die Überlegenheit des Christentums bewiesen werden sollte. Llull schuf gar eine "logische Maschine". Sie bestand aus sieben um ein Zentrum drehbare Scheiben. Die Begriffe auf ihnen ließen sich beliebig kombinieren und sollten so zu sämtlichen möglichen Urteilen und Wahrheiten führen.

Glaubt man der Überlieferung, nutzte Llull seine Kunst wenig. Auf seiner letzten Reise nach Tunis wurde er in Bougie im heutigen Algerien von einer aufgebrachten Menge gesteinigt. Doch auch dies gehört ins Reich der Legenden. Zwar wurde Llull als Märtyrer im 19. Jahrhundert selig gesprochen. Doch eine Untersuchung seiner Gebeine ergab 1985: Eine Steinigung hat es nie gegeben. Und ob der hochbetagte Theologe im Land der Ungläubigen starb, wie es sich für einen Märtyrer gehört, oder in seiner christlichen Heimat, liegt im Dunkel der Geschichte begraben.

Bis heute wird Llull für seine Toleranz gegenüber dem Judentum und Islam verehrt. Wie sich dies mit seinen Missionsplänen verträgt, erklärt Bordoy so: "Er sah bei aller Koexistenz die Christen als die Ersten unter Gleichen, die in Verstand und Organisation den Juden und Muslimen überlegen waren. Deshalb fühlte er sich verpflichtet, sie zur Vernunft zu bringen." (mb)

TERMINE ZUM GEDENKJAHR

Dienstag, 15. Dezember
Eröffnung der Wanderausstellung über Ramon Llull in der Kirche Sant Antoniet im Carrer Sant Miquel in Palma

Sonntag, 1. Mai 2016
10 Uhr: Wallfahrt von Randa zum Kloster Cura; 12 Uhr Messe mit Julián Barrio, Erzbischof von Santiago; Segnung der Felder

Freitag, 25. November 2016
20 Uhr: Messe in der Basilika Sant Francesc in Palma; Prozession mit den sterblichen Resten Ramon Llulls zur Kathedrale

Samstag, 26 November 2016
Ausstellung der Reliquien in der Kathedrale; ab 21.30 Uhr: Gebetswache

Sonntag 27. November 2016
Schlussfeier des Ramon-Llull-Jahres. 10.30 Uhr: Messe mit Kardinal Angelo Amato, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse; Rückkehr der Gebeine Llulls in die Basilika Sant Francesc

Weitere Informationen: www.ramonllull700.com

(aus MM 48/2015)


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