Maite Blázquez begann die Suche nach ihrem Großvater vor mehr als zehn Jahren. | Patricia Lozano

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Ihr Kaffee ist schon lange kalt geworden, Maite Blázquez hat ihn kaum angerührt. Die Erlebnisse sprudeln nur so aus ihr heraus. Die 63-Jährige spricht von den Gräueltaten des Spanischen Bürgerkriegs, vom Schweigen, das bis heute andauert, und von ihrer eigenen Familiengeschichte.

„Meine Mutter hat mir nie viel über meinen Großvater erzählt”, erinnert sich die Mallorquinerin, die zwischen der Insel und Barcelona pendelt. Das sei in vielen Familien bis heute üblich. Ein Bild hatte sie jedoch von ihrem Opa. Ihre Großmutter hatte im Schlafzimmer eine große Fotografie von ihrer Hochzeit hängen: Die Aufnahme in Sepiafarben stammt aus dem Jahr 1932 und zeigt den Tag als Teresa Castro und Joan Losa sich das Ja-Wort gaben.

Joan Losa wurde ein Opfer des Francismus auf Mallorca. Im Oktober dieses Jahres erhielt Maite Blázquez auch ein Schreiben von der Balearen-Regierung, das ihm diesen Status offiziell anerkennt. „Viele sagen, dass dieses Papier nichts bedeutet. Für mich ist es sehr wichtig, weil ich es meiner Mutter zeigen und ihr sagen kann: ‚Hier hast du ein offizielles Dokument, das deinen Vater als Opfer einer faschistischen Diktatur anerkennt, und besagt, dass er nichts Schlimmes begangen hat.’”, erklärt die Psychologin.

Joan Losa wurde 1902 geboren. Er lebte in Pollença und zeitweise in Barcelona. Losa stand der Ortsgruppe der Partei „Republikanische Linke” in Port de Pollença vor, die er auch gegründet hatte. Dieses Engagement wurde dem Zahntechniker wohl zum Verhängnis. Denn nach dem Militärputsch wurde er von den Anhängern Francos festgenommen und kam ins Gefängnis Can Mir in Palma, in dem sich heute das Kino Sala Augusta befindet.

„Meine Großmutter erhielt von ihm Briefe aus dem Gefängnis. Diese hat mir meine Mutter später gezeigt”, erzählt Maite Blázquez. Die Briefe wurden natürlich von den Aufsehern gelesen, die wirklich wichtigen Nachrichten verstecken die Gefangenen beispielsweise in der Kleidung. Den Familien war es erlaubt, ihre Angehörigen mit frischer Wäsche zu versorgen. „In einem Brief beklagte mein Großvater, dass seine Frau ihm den Kragen seiner schwarzen Jacke nicht genäht hatte. Das war ein Hinweis von ihm, dass sie den dort versteckten Zettel nicht gefunden hatte.” Seit dem 22. Januar 1937 gilt Losa als verschwunden, damals wurden die Gefangenen offiziell freigelassen – in Wahrheit aber hingerichtet.Nach Recherchen des Geschichtsvereins „Memòria de Mallorca” wurden 2200 Menschen auf der Insel in Straßengräben, an Friedhofsmauern und bei Hinrichtungen von Kriegsgefangenen liquidiert. Jahrzehntelang wussten die Familien nicht, was mit ihren Vätern, Brüdern und Ehemännern sowie auch einigen Frauen passiert ist. Sie galten als Verschwundene, als Untergetauchte.

2009 beginnt Maite Blázquez Fragen zu stellen, ihrer Mutter, ihrer Familie. Sie entdeckte bei Internetrecherchen„Memòria de Mallorca” und nahm Kontakt auf. „Ich wollte meinen Großvater finden.” Ihre Mutter war damals dagegen: „,Die Toten sind tot, lass sie ruhen’, sagte sie zu mir.” Doch die Mallorquinerin hatte genug vom Schweigen, von der Unterdrückung der Erinnerung.

Im Buch „Diccionari Vermell” des Lokalhistorikers Llorenç Capellà, taucht der Name Joan Losa unter 1500 weiteren Vermissten auf. Capellà vermutet, dass Losa in einem Massengrab in Porreres liegt. Ein erster Anhaltspunkt.

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2016 begannen auf dem dortigen Friedhof Ausgrabungsarbeiten, mit Unterstützung der Balearen-Regierung wurde nach Bürgerkriegsopfern gesucht. Maite Blázquez besuchte die Suchaktion. „Nach nur einem Tag Arbeit wurden die ersten menschlichen Überreste gefunden, sie lagen unter einer dünnen Erdschicht verscharrt”, erinnert sie sich. Besonders wichtig sollte für die Psychologin „Individuum 4” werden, das im Grab Nummer 2 entdeckt wurde.

Im Dezember 2017 konnten dank DNA-Abgleich 14 der 55 in der ersten Phase der Ausgrabungen von Porreres exhumierten Personen identifiziert werden. Unter ihnen war auch Joan Losa. Bei dem Zahntechniker wurde unter anderem eine Prothese am Gebiss entdeckt.

„Ich habe lange überlegt, wie ich es meiner Mutter erzählen soll”, sagt Maite Blázquez. Bei einem Essen setzte sie dann an: „Ich muss dir etwas sagen, Mama.” Die Mutter schaute sie ernst an und erwiderte: „Er wurde gefunden, oder?” Dann ging sie ins Badezimmer. „Es war hart für sie. Schließlich hat sie sich doch bei mir bedankt.” Die Mutter erzählte all ihren Freundinnen und sogar Leuten in Geschäften, die sie immer besucht, von der Identifizierung ihres Vaters: „Jetzt weiß ich, dass mein Vater kein Geist war.”

Im Januar 2018 überführte Maite Blázquez die Urne mit der Asche ihres Großvaters nach Barcelona. Am Valentinstag, 14. Februar 2018, wurde er im Familiengrab neben seiner Frau, Teresa Castro, beigesetzt. „Das ist doch ein schönes Datum, an dem sie wieder zusammengebracht wurden.”

Maite Blázquez wird nicht müde, sich für die Aufklärung der Verbrechen des Spanischen Bürgerkrieges zu engagieren, so macht sie die Arbeit von„Memòria de Mallorca” in Katalonien bekannt. Sie kritisiert das Amnestiegesetz von 1977, das Kriegsverbrechen verjähren lässt. „Es wurden schlimme Verbrechen begangen und der Schmerz eines gesamten Landes ist noch nicht verarbeitet.”

Der Spanische Bürgerkrieg wurde von Juli 1936 bis April 1939 zwischen der demokratisch gewählten Regierung der Zweiten Spanischen Republik („Republikanern“) und den rechtsgerichteten Putschisten unter General Francisco Franco („Nationalisten“) ausgetragen. Der Militärputsch begann am 17. Juli 1936 in Spanisch-Nordafrika, am 19. Juli riss das Militär auf Mallorca die Macht an sich. Widerstand gegen den Putsch gab es auf der Insel nur wenig. Am 16. August 1936 landete ein republikanisches Expeditionsheer in Porto Cristo und Sa Coma. Die Kämpfe im Inselosten dauerten nur 20 Tage. Die Eroberung Mallorcas durch die Invasionseinheit unter Kapitän Alberto Bayo schlug fehl.

(aus MM 49/2021)