Niederländer kritisiert mit Buch spanische Wirtschaft

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Niederländer Vincent R. Werner prangert in seinem Buch "It is not what it is" an, was in Spanien schief läuft.

Niederländer Vincent R. Werner prangert in seinem Buch "It is not what it is" an, was in Spanien schief läuft.

Foto: Timothy Brown

Vincent Werner ist Wirtschaftsexperte, lebt auf Mallorca und hat bereits mit einem Buch über die Probleme in Spanien für Wirbel gesorgt. Was sich davon nun bewahrheitet, erzählt der Niederländer im MM-Interview.

Mallorca Magazin: Sie sind Niederländer, leben aber seit 20 Jahren in Spanien. Was waren Ihre ersten Erfahrungen in diesem fremden Land?

Vincent R. Werner: Damals, 2001, standen wir sechs Monate vor der physischen Einführung der Euro-Münzen und -scheine. Ich erinnere mich, als ich nach Barcelona kam, dass es außer den chinesischen und italienischen Restaurants kaum ausländische Restaurants gab. Da ich gebürtiger Niederländer bin, habe ich natürlich mein Fahrrad mit nach Spanien gebracht. Ich erinnere mich, dass ich einer der wenigen war, die mit dem Fahrrad durch die Straßen von Barcelona fuhren. Wie sich die Dinge verändert haben…


MM: Als Wirtschaftsexperte haben Sie sich mit den Gegebenheiten in Spanien beschäftigt, sehen viele Dinge kritisch. Was ist Ihrer Meinung nach das größte Problem der spanischen Wirtschaft?

Werner: Die Menschen neigen dazu zu vergessen, dass die Wirtschaft ein Spiegelbild der Unternehmen und der Menschen in einem Land ist. In meinem Buch definiere ich sieben Merkmale, die als Handbremse für die spanische Wirtschaft fungieren, und sie sind eher sozioökonomischer als wirtschaftlicher Natur. Wenn ich mich jedoch für eine Sache entscheiden müsste, dann wäre es Konformismus. Zu viele Menschen akzeptieren standardmäßig den Status quo und murmeln „Es lo que hay¨ - auf Deutsch „Es ist, wie es ist“. Allerdings ist es eine gute Sache, dass immer mehr Menschen die Effizienz der Regierung und die Verwendung unserer Steuergelder in Frage stellen.


MM: Ihr Buch heißt genau deshalb „Es ist nicht, wie es ist“. Was sind Unregelmäßigkeiten, die wir immer wieder im Alltag bemerken könnten?

Werner: Es besteht ein genereller Mangel an Informationen, insbesondere bei Nachrichten aus dem Ausland, die übersetzt werden müssen. Es herrscht kein guter Informationsaustausch, eher der Austausch falscher Informationen und die Konzentration auf die falschen Informationen. Ein Beispiel: In den Nachrichten Mitte Mai 2015 wurden 16 Sekunden für die größte industrielle Investition in Spanien aller Zeiten aufgebracht, als Volkswagen 4,2 Milliarden Euro in Spanien investierte. Im Gegenzug erhielt die Meldung, dass Xaví Hernandez den FC Barcelona verlässt, mehr als drei Minuten…

MM: Ein Niederländer, der die Zustände in Spanien offen kritisiert. Wie waren die Reaktionen auf Ihr Buch?

Werner: (lacht) Ich bin in Amsterdam geboren, mein Nachname ist deutsch, ich habe in Paris studiert, und ich arbeite und lebe seit 20 Jahren in Spanien, wo ich Steuern zahle! Ich bin ein EU-Bürger, der Teil der spanischen Gesellschaft ist. Ich möchte das Land, in dem ich lebe, verbessern, nicht zerstören. Nichtsdestotrotz erhielt ich neben Hunderten positiven Unterstützungsbotschaften auch zwei Morddrohungen und verschiedene Medien entschieden, dass es bequemer sei, mich anzugreifen als mich zu unterstützen. Leute, die „Geh zurück in dein eigenes Land“ schreien, verstehen offensichtlich nicht die Grundlagen der EU.

MM: Welche Bedeutung hat Spanien für die Wirtschaft der EU?

Werner: Spanien ist unglaublich wichtig für die EU. Vor dem „Brexit“ war Spanien die fünftgrößte EU-Wirtschaft und das einzige Top-5-Land, das noch nie einen Nettobeitrag zur EU geleistet hat! Jetzt ist Großbritannien raus, die übrigen Länder müssen mehr Gewicht haben. Wenn Spanien nicht, wie seit vielen Jahren prognostiziert, zum Nettobeitragszahler wird, wird es schnell zum größten Leidwesen Europas und könnte den Kontinent faktisch stürzen.

MM: Welche Ihrer sieben Merkmale aus dem Buch werden jetzt während der Corona-Krise besonders deutlich?

Werner: Auch hier zum Beispiel das „Informationsdefizit“. 1978 wurde Spanien in 17 autonome Regionen aufgeteilt, was zu mehr Bürokratie und weniger zentralisierter Kontrolle führte. Spanien beschäftigt sich nun mit verschiedenen Methoden zur Messung der Auswirkungen von COVID-19. Außerdem das „Pläne machen ohne zu planen“. Die spanische Regierung hat eine lange Geschichte von übereilten Entscheidungen und Handlungen, was sie später dazu zwingt, ihre Aussagen ständig anzupassen. Das wurde bei den angekündigten Arbeitseinschränkungen sehr deutlich. Und als drittes Merkmal „Fehlendes Verantwortungsbewusstsein“. Die Parlamentsmitarbeiter und Senatoren, deren Transport und Mittagessen über eine Million Euro pro Monat kostet, benötigten öffentlichen Druck, um auf diese Zahlungen zu verzichten. Wir brauchen ein System, in dem Politiker zur Rechenschaft gezogen werden und in dem Missbrauch und Betrug streng bestraft werden.


MM: Was haben Sie beruflich erlebt, seit das Corona-Virus auch die Wirtschaft erschüttert?

Werner: In meiner Branche habe ich viele Unsicherheiten und negative Aspekte im Zusammenhang mit Entlassungen und der Kurzarbeitsregelung ERTE erlebt. Auf der anderen Seite sehe ich Kunden, bei denen es sich um sehr vermögende Privatpersonen handelt, die viel Geld auf der Insel haben und sich auf Immobilienverkäufe vorbereiten. Ich sehe auch Unternehmergeister, die ihre Geschäfte neu erfinden und neue Unternehmen gründen.

MM: Welche Chancen sehen Sie für Spanien und Mallorca nach der Hochphase der Corona-Krise?

Werner: Niemand hat eine Glaskugel, um die Zukunft vorauszusehen, aber zunächst einmal glaube ich, dass der Test auf COVID-19 vor einer Einreise durchgeführt werden sollte, bevor möglicherweise Corona nach Mallorca eingeführt wird. Zweitens glaube ich, dass Mallorca, anstatt sich auf den nationalen Tourismus zu konzentrieren, sich auf internationale Touristen mit hohem Einkommen aus Nordeuropa konzentrieren sollte. Darüber hinaus hoffe ich, dass wir gelernt haben, dass die Insel eine vielfältigere Geschäftslandschaft braucht. Wir haben sehr gute Möglichkeiten im Technologiezentrum Parc Bit, den ich mehrmals besucht habe. Jetzt brauchen wir mehr Start-ups!

(aus MM 17/2020)

Zur Person:

Vincent R. Werner wurde 1974 in Amsterdam geboren und hat einen Master-Abschluss in Wirtschaft und einen Bachelor-Abschluss in Marketing. Nach dem Studium wurde er für das prestigeträchtige Trainee-Programm der ING-Bank ausgewählt. Es folgten Management-Positionen bei Renault-Nissan und L’Oréal. 2006 war er die jüngste Führungskraft der niederländischen Bank ABN AMRO, die zum Aufbau von Privatkundenbanken auf dem spanischen Markt beigetragen hat. Seit 2008 arbeitet Werner selbständig im Finanzwesen, gegenwärtig als Partner bei EuroEconomics, einem Unternehmen, das Künstliche Intelligenz in Unternehmen einbringt. Nach 18 Jahren in Barcelona ist er seit 2019 auf Mallorca zu Hause.


„It is not what it is“ ist auf Englisch zuerst 2017 bei CreateSpace erschienen und ist mittlerweile in dritter Ausgabe erhältlich. Der Autor sucht nach Verlegern, die sein Buch auch in Deutsch veröffentlichen möchten. Mehr Informationen und Kontakt unter www.itisnotwhatitis.com.

Kommentar

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Majorcus / Vor 5 Monaten

@kai: Da ist mir das aktuelle BVerfG Urteil weit lieber, als dieser Autor ohne wissenschaftichen Anspruch.

kai / Vor 5 Monaten

Vielleicht sollte sich die spanische Regierung den Autor als Wirtschaftsberater engagieren! Da scheint mehr Kompetenz in einer Person versammelt als in der gesamten politischen Garde. Trotzdem wird der Untergang der EU nicht zu stoppen sein - die 5t Größte Binnenwirtschaft der EU ist kein Nezttozahler - das kann und wird auf Dauer nicht gut gehen. Dazu kommen - allein in D - zztl. nahezu 1 Billion € an Target 2 Forderungen gegen EU-Mitgliedsstaaten, die Bonität der Schuldner macht wenig Hoffnung, davon auch nur einen Cent wieder zu sehen. Die Diskussion um die Kosten der Corona Krise werden ungeliebte Wahrheiten über das völlig zerrüttete Finanzsystem einzelner EU-Länder ans Licht bringen - neben der Ungleichbehandlung der Menschen hinsichtlich Lebensarbeitszeiten, Anwartschaften für die Rente sowie signifikante Unterschiede in der Höhe von Abgaben und Steuern in den einzelnen Ländern. Die Politik wird uns weitere Märchen erzählen und mit teuren Kampagnen in den Mainstream Medien befeuern - alles unter dem Deckmantel der Solidarität und Corona Krise - nur um vom eigenen Versagen abzulenken!

Majorcus / Vor 5 Monaten

@Tom Taylor: Für eine Export-Nation ist es immer von Vorteil, wenn die Handelshürden zu den Käufern möglichst hoch sind. @frank: Sie haben die Strategie nicht ganz erkannt.

Tom Taylor / Vor 5 Monaten

"Vor dem „Brexit“ war Spanien die fünftgrößte EU-Wirtschaft und das einzige Top-5-Land, das noch nie einen Nettobeitrag zur EU geleistet hat!" - das sagt eigentlich alles sehr deutlich über den Zustand der EU und von Spanien aus ! Ein "Dexit" wäre wahrscheinlich kein großer Schaden für Deutschland......

frank / Vor 5 Monaten

War klar, daß das nicht in Dein Weltbild passt und gleich wieder in Frage stellst.Offensichtliches ansprechen ist doch sinnvoller, wie es wegzuschweigen oder zu verunglimpfen @ majorcus !!!

Majorcus / Vor 5 Monaten

Es ist und bleibt einfach, mit den richtigen Themen und provokanten Thesen Massen zu bewegen - wozu braucht es eine Auflage in Deutsch? Kann die Zielgruppe nicht ausreichend Englisch?

Clemente / Vor 5 Monaten

Ach wie schön ist das!!! Warum seien wir nicht alle Holländer...?

Lydia Camp / Vor 5 Monaten

.... Leute, die „Geh zurück in dein eigenes Land“ schreien, verstehen offensichtlich nicht die Grundlagen der EU.... von Vincent R. Ein sehr wichtiger Satz, der einem oft entgegen schlägt, wenn man im Ausland lebt und zu etwas eine Meinung hat oder etwas kritisiert. Auch wir leben so ...Es lo que hay ...man kann manches nicht ändern. Das Hauptproblem der EU ist, das es für uns normale Bürger keinerlei Anlaufstellen gibt, die uns bei EU Verletzungen im Privat Bereich helfen könnten. Die Politik fokosiert sich hauptsächlich auf die Wirtschaft. Wer in einem EU lebt, Steuern bezahlt, ist ein Teil der Gesellschaft und hat dort Sozialrechtliche Gesetze der Gleichbehandlung als der Spanier als Beispiel. Wie oft hört oder liest man...ja, Spanier müsste man sein. Der europäische Gedanke alleine,genügt nicht. Wenn wir Europäer sind, haben auch wir, ein grosses Interesse daran, in dem Land wo wir leben, wir in wirtschaftlicher und sozialer Sicherheit leben können, dürfen, möchten.

Walter / Vor 5 Monaten

Seine Sichtweise bringt es auf den Punkt. Schlimm, dass wir alle täglich spüren und anhand der kopflosen Aktionen von Sánchez & Co feststellen, dass Vincent Werner so recht hat. Da fragt man sich allen ernstes: Glaubt die spanische Regierung tatsächlich, was sie tut oder will sie ihr Volk mit ihren Handlungen vorsätzlich demoralisieren und weiter einschüchtern a la der Mop wird uns schon folgen.Weil er (der Mop) genügsam ist, denn "es ist, wie es ist" , wurde in die Köpfe der Gesellschaft eingebrannt.