Elke Becker (l.) und Ute Köhler: Die beiden Autorinnen stecken hinter dem Pseudonym Carmen Bellmonte. | Silvia de Couët

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Historie, eingebettet in Spannung, Liebe und Leid: Anfang Februar erschien bei Heyne der Roman „Zeiten des Wandels“ – der erste von vier Bänden einer Mallorca-Saga um die Winzerfamilie Delgado. Hinter dem Autorennamen Carmen Bellmonte stehen die Schriftstellerinnen Elke Becker und Ute Köhler. MM sprach mit ihnen:

Mallorca Magazin: Wie kamen Sie dazu, gemeinsam eine vierbändige Mallorca-Saga zu schreiben?

Ute Köhler: Vor einigen Jahren lernten wir uns beim Autoren-Salon auf der Kulturfinca Son Bauló kennen, freundeten uns an und veröffentlichten zusammen den Kurzgeschichten-Band „Mallorca-Schattengeschichten“. Die Zusammenarbeit lief so gut, dass wir uns vor einem dieser Autoren-Treffen überlegten, was wir noch gemeinsam machen könnten. Elke hatte einen Wein bestellt, ich trank Wasser, und dann sagten wir: Wein wäre doch was! Wir hatten die Idee, das Thema historisch abzuhandeln, als der Wein noch ohne die heutige Technik erzeugt wurde.

MM: Warum hat es so viele Jahre gedauert, bis die Saga fertig war?

Elke Becker: Wir fingen an, den Roman zu schreiben, verwarfen ihn aber relativ zügig, weil es klemmte und wir fanden, dass er weder Hand noch Fuß hatte. Deshalb beschlossen wir, das Projekt beiseite zu schieben, bis wir wissen würden, was wir damit anfangen. Dann hatten wir beide eigene Projekte, und 2019 setzten wird uns wieder zusammen.

MM: Sie ließen den Stoff zehn Jahre lang liegen. Was bewog Sie dazu, ihn wieder aufzugreifen, anstatt ihn zu erden?

Becker: Das war zum Großteil meine Erfahrung, die ich in diesen Jahren beim Schreiben machte. Ich fand diese Geschichte immer noch gut, und irgendwann habe ich sie mir wieder durchgelesen und gemerkt, warum sie damals nicht funktioniert hatte.

Köhler:Ohne den Lösungsansatz von Elke hätten wir den Stoff nicht wieder angefangen.

MM: Und? Was war die Lösung?

Becker: Wir wollten zu viel in einem Buch, und in einem Band 80 Jahre abhandeln. Deshalb schlug ich der Agentur vor, das Ganze auf vier Bände zu verteilen. Die Agentur befürchtete Schwierigkeiten, das zu verkaufen, weil den Verlagen zwei oder drei Bände lieber seien, zumal von einem unbekannten Autoren-Duo. Aber das Thema fanden sie gut und sagten, wir sollten es ausarbeiten. Also haben wir ein Exposé für vier Bände ausgearbeitet. Natürlich haben wir uns auch da verzettelt. Wir wollten bis ins Jahr 2020 gehen, und es endet 1958.

MM: Also haben Sie entgegen dieser Befürchtung doch vier Bände entwickelt?!

Becker: Die Verlage waren tatsächlich skeptisch, ob wir das durchhalten und man das wirklich so spannend gestalten kann. Aber Heyne sah das Potenzial, fand die Geschichte stimmig, auch das Setting mit Mallorca und Kuba. Sie sind dort sehr begeistert. Da haben wir den richtigen Verlag gefunden.

MM: Warum endet der vierte Band 1958 und nicht, wie geplant, 2020?

Köhler: Der Stoff war zu viel und der Zeitraum zu groß. Wenn du dich in die Historie begibst, gibt es schwerwiegende Ereignisse, die du nicht ignorieren kannst. Die Geschichte spielt auf Mallorca und Kuba. Du kannst nicht so tun, als hätte es zum Beispiel Franco und den Bürgerkrieg nicht gegeben oder den Amerikanismus auf Kuba, der zur großen Rebellion mit Castro führte. Das kannst du auch nicht einfach in zwei Nebensätzen abhandeln. Damit es stimmig ist, musst du diese Ereignisse so in die Fiktion einarbeiten, dass sie Teil der Handlung werden. Das nimmt dir Seiten weg. Auch die zwei Familien, die auf zwei Kontinenten leben, brauchten ihren Raum, gerade am Anfang, wo sie noch voneinander getrennt sind.

MM: Unter welchem Autorennamen erscheint die Saga?

Becker: Unter Carmen Bellmonte. Das ist ein offenes Pseudonym.

Köhler: In der Innenklappe stehen unsere echten Namen. Da steht auch Ute Köhler und nicht Alex Conrad (Unter diesem Pseudonym veröffentlichte Köhler bisher ihre Bücher; Anm. d. Red.).

MM: Aha, die Katze ist aus dem Sack!

Becker: Der Verlag fand es nicht angebracht, ein offenes Pseudonym mit einem Pseudonym aufzulösen.

MM: Wird es trotzdem weitere Romane von Ute Köhler unter dem Pseudonym Alex Conrad geben?

Köhler: Falls ich noch mal einen Krimi schreibe, ja. Wenn ich ein weiteres historisches Projekt, das auf Mallorca spielt, mache und unterbringe, dann würde das unter Carmen Bellmonte geschehen. Also, wir können beide das Pseudonym auch alleine nutzen. Das haben wir so vereinbart. Es muss halt thematisch passen.

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MM: Wie intensiv war bei so viel Historie die Recherche für die Saga?

Köhler: Wir haben viel recherchiert. Es hat mich allein sieben oder acht Mails gekostet, um zu wissen, wo das Männergefängnis in Palma war. Als ich es endlich herausgefunden hatte, kam im Mallorca Magazin ein Bericht über dieses Gebäude. Wäre er zwei, drei Wochen früher erschienen, hätte ich mir die ganze Sucherei sparen können (lacht).

Becker: Ich kenne sehr viele Kubaner, hatte Kontakt zum historischen Museum in Havanna, holte mir auch sehr viel Literatur darüber, wie es damals war, als die Spanier nach Kuba auswanderten, wie ihr Verhältnis zu den Schwarzen war, wie Kuba zum Wohnzimmer für alle feierwütigen Amerikaner wurde, auch, wie die schwarzen Frauen sich freiwillig von den Spaniern schwängern ließen, um die Hautfarbe aufzuhellen. Das nannte sich blanquear, also bleichen.

Köhler: Wir haben die Familie in Sencelles angesiedelt und hatten das Glück, dass der Stadtarchivar des Ortes, Jordi Llabrés, uns sehr viele Fragen beantwortete. Wir konnten ihn eigentlich alles fragen, auch wie die Menschen damals gekleidet waren, wenn sie aufs Feld gingen, oder was es bei ihnen zum Frühstück gab. Weil es Fiktion ist, haben wir aber einiges so angepasst, dass es in die Geschichte der Figuren und in die Handlung passt.

Becker: Wir waren auch viel im Zeitungsarchiv in der Stadtbibliothek von Palma unterwegs und mussten Stadtpläne wälzen. Das Stadtgebiet war damals ja ganz anders, viele Straßen wie den Paseo Marítimo und die Avenida Jaime III gab es noch gar nicht. Auch Straßennamen haben sich verändert. Manchmal haben wir sie aber so angeglichen, dass die Leute heute wissen, von welcher Straße wir reden. Das ist eben die dichterische Freiheit.

MM: Jede von Ihnen hat ihren eigenen Schreibstil. Wie wurde daraus ein Guss?

Köhler: Jede überarbeitete das, was die andere geschrieben hatte, und am Schluss gingen wir ein weiteres Mal mal darüber. Schon durch das gegenseitige Überarbeiten glich sich der Schreibstil immer mehr an. Und dann folgte noch das Lektorat des Verlags.

Becker: Es wird keiner merken, wer was geschrieben hat.

MM: Vom Mallorca-Krimi zur Mallorca-Saga: Was ist der Unterschied?

Becker: Das Schöne an historischen Romanen ist, dass du bei der Arbeit sehr viel erfährst. Das macht schon Spaß.

Köhler: Bei der Arbeit habe ich gemerkt, dass die Historie das schönste Genre ist, in dem man schreiben kann. Du hast Liebe, Familiengeschichten, Drama, Gesellschaftsroman und auch Krimi mit drin. Du bist nicht auf ein Genre fixiert, das sonst bestimmten Regeln folgen muss, sondern du hast ein breites Potpourri von allen möglichen Bereichen, in denen du dich beim Schreiben austoben kannst. Und bei Historie hast du auch meistens einen längeren Zeitraum. Das fand ich sehr bereichernd.

MM: Ursprünglich wollten Sie die Geschichte bis 2020 erzählen, jetzt ist im Jahr 1958 Schluss. Könnte da noch ein Band nachkommen?

Becker: Wenn der Verlag das will, wäre das möglich. Man könnte auch noch zwei weitere Bände machen.

Köhler: Die Geschichte schließt so ab, dass der rote Faden, der sich durch die vier Bände zieht, am Ende aufgelöst wird. Aber die Figuren würden noch mehr hergeben. Sie würden dann allerdings einen neuen Faden aufnehmen, weil die nächste Generation jetzt am Drücker wäre.

Die Fragen stellte Martin Breuninger.

INFOS UND INHALT DES BUCHES:

„Zeiten des Wandels“ ist der Auftakt einer Mallorca-Saga, die bei Heyne verlegt wird. Ihre Autorinnen Elke Becker und Ute Köhler firmieren unter dem Pseudonym Carmen Bellmonte. Dass andere Zeiten kommen, kündigen sie gleich zu Beginn des Romans an. Man schreibt den September 1913, und in Sencelles werden die nächtlichen Straßen erstmals von elektrischen Laternen beleuchtet. Für immer vorbei sind die unschuldigen Zeiten, in denen sich junge Menschen im Schutz der Dunkelheit ungesehen küssen konnten.

In diesem Sencelles des Jahres 1913 führt die Familie Delgado ein kleines Weingut. Doch die Geschäfte laufen schlecht. Weil die Konkurrenz auf dem Festland immer stärker wird, bricht die Weinwirtschaft auf Mallorca ein.

Die Kinder der Delgados müssen handeln, um das Gut vor dem Ruin zu bewahren: Antonia und ihr Verlobter Mateo gehen nach Kuba, wo sie die Familie mit einem neuen Weingut unterstützen wollen. Carla sucht sich Arbeit auf der heimatlichen Insel. Diego zieht es aufs Meer, und Leo schlägt einen nicht immer legalen Weg ein, der ihn zunehmend von seiner Familie wegführt.

Ob und zu welchem Preis die Familie die Krise übersteht, erfahren die Leser auf 560 Seiten voller Spannung und Unterhaltung. Immer wieder überraschen die Autorinnen ihre Leser. So droht mitunter die Handlung zu idyllisch zu werden, doch sie wird es nicht. Denn schon im nächsten Moment klopft das Schicksal erneut mit einem mächtigen Schlag an die Tür – dies alles vor der akribisch recherchierten Kulisse des Mallorcas und Kubas der Jahre 1913 bis 1928. Und ehe man sich versieht, ist auch die letzte Seite umgeblättert.

„Zeiten des Wandels“ erschien am Montag, 8. Februar, und kostet als Taschenbuch 11 Euro, als E-Book 9,99 Euro. Der zweite Band der Saga, „Zeiten der Sehnsucht“, ist für den 8. August avisiert. Die Bände drei und vier, „Zeiten des Umbruchs“ und „Zeiten der Versöhnung“, werden 2023 ebenfalls am 8. Februar beziehungsweise 8. August veröffentlicht.

(aus MM 6/2022)